Deutsch
Film 3639, Vol. 8, No. 39, Page 2
Krasna, Bessarabien Januar 7. 1914
Lieber Staats-Anzeiger!
Zeit Weihnachten haben wir Winterwetter bei massiger Kält und vielen Schnee.
Nun liebe Amerikaner, möchte ich mit ein paar Worten zeigen, dass die Welt uns Russländern doch zu viel thut, wenn sie uns nachsagt, es fehle uns an umsicht, Geschicklichkeit und dergleichen mehr. Einer unserer grossen Jäger kam dieser Tag zur Einsicht, dass ein Hasenbraten mit Sauerkraut zu Neujahr doch wohlschmeckender sein würde als Speck und Kraut. Wie wir Russländer alle, so unser Jäger noch im Besonderen kurz im Denken und schnell im Handeln. Die Flinte auf die Schulter werfend, eilte er dem nahen Wäldchen zu. Hier verbarg er sich etwas im Busch und wartete mit Jägergeduld auf den Neujahrsschmaus, auf den kommenden Hasen. Bald, auch richtig, kommt ein Hase, macht Männchen, und besieht sich die verschneite Gestalt, wohl nicht recht wissend was es war. Aha, denkt der Jäger in seinem Sinn, sollst uns gut schmecken, und riss die Flinte an der Wange, Knack! Geht der Hahn, aber alles bleib still. Versagt! Knirschte der Jäger, und spannt den Hahn zum zweiten male. Knack! Sagt der wieder, aber den Hasen war wohl die Zeit lang geworden, denn er bot dem Jäger adieu. Wuthentbrannt blis nun unser Jäger in den Flintenlauf, und so stellte sich’s heraus: die Flinte war gar nicht geladen!
Gruss an meine Brüder Nikolaus, Gottlieb, Philipp und Joseph, und Schwestern Katharina und Eva und Schwager in Hague, Norddakota. Bitte besonders Bruder Gottlieb wieder etwas von sich hören zu lassen. Auch unser alter Nochbar Georg Wingenbach möchte wieder einmal ein Lebenszeichen von sich geben.
Mit Gruss auch allerseits an den Leserkreis Zeichnet.
Johannes Leinz