Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 2. April 1914

Film 3639, Vol. 8, No. 36, Page 2

Krasna, Bessarabien Februar 24. 1914

Ich bin zwar schon über ein Jahr ein eifriger Leser des Blattes, aber geschrieben habe ich seither noch nicht, denn ich bin nicht allein schreibfaul, sondern auch kein Federheld von Bedeutung und fürchtete deshalb den Papierkorb.

Aber heute, den 24. Februar, erhielt ich Nr. 28 des Blattes und, da ich immer alles eifrig lese was in demselben gemeldet wird, las ich auch in der Korrespondenz des Herrn Romanus Bogalofsky ein paar Zeilen, die mir arg durch den Schädel fuhren, nämlich dass mein Abonnement abgelaufen sei und mein Name getrichen werden solle. Ich bitte aber die Redaktion dies nicht zu thun. (Zeit lief bereits am 21. November 1913 ab, Das ist deutlich hinter jedem Namen, entweder aus der Zeitung selbst, oder auf dem Umschlag zu lesen. In Ihrem Falle heist es dort: Bitz Valentin 21 Nov 13. Das meint, dass Ihr Abonnement mit dem 24 November 1913 abläuft. Wir ersuchen namentlich alle Leser im Auslande, dies zu beachten, da wir die Namen streichen müssen, wenn die Zeit abläuft und Erneuerung nicht erfolgt. Das Blatt geht Ihnen weiter zu, aber wir erhielten bis jetzt noch nicht den nöthigen Betrag, den Sie wie Sie schreiben, einzahlten.Red.)

Ich bitte, mir alle Nummern zuzusenden, denn ich will keine verlieren; und das Geld wird Ihnen gleich zugeschickt durch Herrn Wilhelm Widmer und sollte zusammen mit dieser Korrespondenz eintreffen.

Gruss an Romanus Bogalofski. Der Keller ist in Ordung. Bitte nur zu kommen und zu trinken.

Allen Freunden und Bekannten die betrübende Kunde, dass mein lieber Schwager Phillip Engel in Emmenthal am 19. Februar im Alter von 54 Jahren sanft im Herrn entschlaffen ist.

Gruss auch an alle Freunde und Bekannte im Leserkreise

Valentin Bitz


Film 3639, Vol. 8, No. 36, Page 2

Konstantinofka, Bessarabien
Februar 17. 1914

So muß es kommen.-
Am 14. ds. Mts. fuhr ich per Bahn aus der Stadt Bender und traf auf der Fahrt auch einen Reisenden aus dem Kutschurganer Gebiet, nämlich aus Kandel, der sich zu mir auf die Bank setzte und mir während der Fahrt nach Kainari erzählte, daß er diese Strecke zum ersten Male reise und sich darum freue, einen deutschen Mann getroffen zu haben, von welchem er einige nöthige Zurechtweisungen erhalten könne, wie er von Kainari aus weiter zu fahren habe nach dem Chutor Bikus zu seinem Bruder B. Schwengler, welcher am 22. Februar die Reise nach der neuen Welt anzutreten gedenkt. Da wir dadurch auf Verschiedenes zu sprechen kamen und auch auf die Auswanderung aus Rußland nach der neuen Welt, berührten wir auch das Thema, über welches ich kürzlich schrieb, nämlich daß die Auswanderer von den meisten Beförderungsagenten auf schändliche Weise hintergangen und geprellt werden, daß die meisten Leute, wenn sie in Halifax oder in New York ankommen, kaum einen Cent mehr vorzeigen können. Da theilte mir mein Reisekollege auch mit, daß man im Kutschurganer Gebiet solchen Agenten auf den Fersen sei. Man habe dort den Agenten Jakob Schnall vor 14 Tagen auf drei Jahre in's Zuchthaus verurtheilt; seinen Kollegen Burgad habe man vergangenen Sonntag polizeilich aus der Kirche festgenommen und in Gewahrsam gebracht, und der Dritte im Bunde, Sparofski, ein Jude, sei durch die Lappen gegangen. So muß es kommen für diese schwindlerischen Agenten. Hätte die Polizei früher schon Umschau gehalten und eingegriffen, wäre auch schon manch anderer Agent ins Loch gewandert und vielen Auswanderern wäre ein bitteres Loos erspart geblieben. Seither aber entgingen diese Schwindler den Klauen des Gerichts durch schmeichelhafte Reden und glattes Benehmen, sodaß die Polizei an ihre Ehrlichkeit glaubte. Jetzt aber wird wohl die Untersuchung weiter gehen und, wenn die Herren Agenten nicht von dem Schwindel ablassen, werden ihrer sicher noch viele in's Zuchthaus wandern, und das von rechtswegen. Auch das Befördern von Personen mittelst falscher Pässe dürfte einen schlimmen Stoß erhalten, und die Preise für Ueberfahrskarten werden wohl bedeutend fallen. Es wäre sehr am Platze, wenn ein Agent, der Auswanderer befördert, diesen sagen müßte, was Eisenbahnfahrt und Schiffkarten kosten nach festgesetztem Tarif, und wie viel er verlangt für seine Mühe. Dann wäre es klare Rechnung. So aber wird immer alles zusammengerechnet und der Auswanderer tappt im Dunkeln, denn er weiß nicht was die Fahrt kostet, noch was der Agent als Spesen einstreicht. Ich rathe allen Auswanderern vorsichtig zu sein und genau sich zu erkundigen, welchen Ruf ihr Beförderungsagent hat. Wenn herumreisende Agenten an Orten wo Leute auswandern wollen, fragen, ob im Orte es nicht Leute giebt, die über Fahrpreise und so weiter unterrichtet sind, dann ist schon klar, daß der Agent befürchtet, diese Leute könnten ihm schaden und den Auswanderer aufklären.

Es wäre mir sehr angenehm, von einem oder anderem der Leser des Blattes etwas über seine Erfahrungen bei der Auswanderung zu hören und namentlich mit Bezug auf den Kostenpreis, von welchem Agenten sie befördert wurden, und wie die Reise war. Dies würde auch den hier weilenden Leuten, die vielleicht auch die Fahrt machen wollen, viel helfen.

Aus der letzterhaltenen Nummer des Blattes habe ich auch ersehen, das mein guter Kollege Anton Jochim wieder eine Reise nach Nord-Dakota machte um Sprach- und Orgelunterricht zu ertheilen. Wünsche dem Herrn Kollegen und seinen Zöglingen besten Erfolg.

Gruß an meine Kinder in Morton County Nord-Dakota und wir hoffen, daß unsere Tochter Amalia Groß nunmehr genesen ist. Ein Brief an sie geht mit dieser Korrespondenz ab.

Wo bleibt Freund Jakob Sommerfeld mit seinen Berichten?

Gruß an ihn und an alle Leser und Freunde des Blattes.

Romuald Dirk.