Auszug aus der „Dakota Rundschau“ 24. Mai 1929 · 📰

Gallery ➤ 📰

Gallery ➤ 📰

Bismarck, Nord Dakota
vom 24.05.1929

Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland

Kraßna, Bessarabien
den 8. April 1929

Geehrter Herr Redakteur Brendel!

Teile Ihnen mit, daß ich das schöne Liederbuch und ihren vielgeschätzten Brief erhalten habe. Besten Dank dafür. Das Liederbuch war besonders meiner Frau willkommen, dafür auch sie ihren besten Dank ausspricht. Das Liederbuch ist ja geradezu eine Überraschung, was herrliches, voll der schönsten und bekanntesten Lieder. Gestern war Sonntag. Ich hatte Gäste und natürlich wurde das Liederbuch zum Hauptgespräch der Begeisterung und mein Lieblingslied „0 Straßburg“, wurde angestimmt und zusammen gesungen.

Am 14. März trat Tauwetter ein, wodurch es viel Wasser gab, so daß seit 8 Tagen niemand über die Brücke fahren konnte. Wir hatten vor dem Frühlingswasser schon lange vorher unsere Furcht, wenn der Schnee mit Nebel oder Regen abgehen sollte; zum Glück hatte es nachts gefroren. Schönes Wetter trat ein und unsere Bauern machten sich am 2. April an die Aussaat. Am 4. April setzte wieder ein Schneetreiben ein, das bis zum nächsten Morgen währte, so daß wir bis zu zwei Zoll tiefen Schnee hatten. Die Sonne verstärkt jedoch ihre Wärme mit jedem Tag und der Schnee wird wohl nicht lange liegen bleiben.

Wie ich schon früher mitteilte, hat man uns Gerste zur Aussaat versprochen, die auch eingetroffen ist, aber noch auf der Station Beresina liegt und nicht sofort eingefahren werden kann des schlechten Wetters halber. Jeder hat seinen Teil Gerste selbst von der Station zu holen. Die kleineren Wirte bekommen 5 Pud, die mittleren 8 Pud und die großen Wirte bekommen keine, da man der Ansicht ist, daß sich solche selbst versorgen können. In allem erhielten wir 1250 Pud. Der Preis ist noch nicht angesagt, den man später mitteilen wird. Auf dem Markt zahlt man 100 bis 110 Lei für ein Pud Gerste und für Welschkorn 115 bis 125. Uns hat jedoch wieder ein Unglück getroffen, denn die Winteraussaat ist durch die große Kälte erfroren. Wenn der liebe Gott will, so möge er uns die anderen Feldfrüchte gedeihen lassen.

Auf der Totenliste stehen: Am 6. März starb Katharina Fenrich, geb. Getag, im Alter von 79 Jahren, Frau des verstorbenen Simon Fenrich. Am 13. März starb Gregor Maß, er hinterließ seine Gattin und einen Sohn, am 15. März Zelestine Dirk, geb. Leintz, 29 Jahre alt, Ehefrau des Maximilian Dirk mit zwei Kindern. Am 1. April ist Marianna Muel1er, geb. Folk, gestorben, Witwe von Martin, der Kind- und Kindeskinder nachtrauern. Am 3. April segnete die 24 Jahre alte Natalie Ruscheinsky, Tochter von Georg, als ledige Person das Zeitliche. Mögen sie ruhen in Frieden.

Am 12. März fand eine Generalversammlung von den Mitgliedern der Bank und der Kooperative statt, wobei eine neue Verwaltung gewählt wurde und dabei beschlossen, den Laden an Nikolaus Kelsch von Banat um 3 Prozent vom Umsatz abzugeben. Durch diese Umgestaltung blieb der Schreiber dieses ohne Dienst. Als Verwaltung wurden gewählt: Johannes Herrschaft als Präsident mit 125 Lei als Lohn pro Monat; Maximilian Arnold als Kassier mit demselben Gehalt, Alexius Rihl als Buchhalter mit 3000 Lei pro Monat, der die Bücher des Ladens und der Bank zu führen hat. Außerdem sind noch Beamte gewählt: Michael Koch, Alexan¬der Ternes, Maximilian Haag, Dionisius Dreßler, Johannes Bachmeier und Rochus Fenrich, mit einem Gehalt von 100 Lei pro Tag.

(Die zwei ersten, Vorsitzender und Kassier bekommen also den Wert eines Pud Welschkorns pro Monat? Ist das kein Mißverständnis? Red.)

Die Auswanderungsbewegung ist immer mit größtem Interesse begleitet. In der „Dakota Rundschau“ wurde die Mitteilung gemacht, daß sich in Canada ein katholischer Verband für Einwanderer nach Canada organisiert hat, das bald auch durch Briefe aus Canada bekannt gegeben wurde. Außer den vielen, die sich vom Arzt haben untersuchen lassen, sind noch 17 Familien zurück, denen die Mittel zur Reise nicht ausreichen. Man spricht von einer Kreditfahrt. Doch haben auch diese schon ihre Papiere aus der Kanzlei und anderen Stellen herausgenommen, die Pässe jedoch noch nicht. Aber auch diese sollen sie schnellstens bekommen. Sie hoffen, zum Mai abfahren zu können. Möge ihnen Gott helfen, daß sie bald weg- und drüben über dem großen Wasser glücklich ankommen. Die Auswanderung erklärt sich eben durch Landmangel, schlechte Jahre, teure Kleidung, große Steuer und vieles, was mit der Lebensfrage zusammenhängt. Familien, die ihre Pässe in Händen haben, reisen auf eigene Kosten, wenn aber Hilfe geleistet wird, so finden sich noch recht viele, die ihr Glück im Lande des Dollars suchen wollen.

Folgende Familien sind zur Auswanderung bereit: Pasilius Friedrich Harsche, Alexander Peter Kuß, Peter Kuß, Peter Michael Hintz, Peter Ludwig Krenzel, Ignatz Jakob Ihli, Alexander Sebastian Becker, Peter August Söhn, Simon Anton Söhn, Markus Karl Söhn, Ignatz Wuitschik, Gabriel Anton Folk, Mathias Lorenz Wuitschik, Michael Peter Menges. Alle genannten sind mit Frauen und Kindern. Ledige Personen sind: Nikolaus und Valeria Speicher, Kinder des Nikolaus Speicher, Kaspar Wagner, Sohn des Gabriel von Joseph, und Adam Kuß, Sohn des verstorbenen Peter Kuß. Ich habe absichtlich die Namen der Väter angegeben, der Verwechslung halber, da es viel gleichlautende Vor- und Nachnamen gibt. Die genannten Familien haben die Absicht, sich in Sask. niederzulassen, und gehen im Schutz des katholischen Verbandes. Auch die Lutheraner wandern aus, die im Schutz ihres Kirchenvereins stehen. Wenn solche abfahren, werde ich dann berichten, das den drüben von Interesse sein wird, denn viele lesen die Dakota Rundschau, davon ich gut überzeugt bin. Ich wünsche dem Blatte recht viele Leser.

Ich habe den Bericht des Herrn Magnus Steike aus Krupp, Sask., vom 8. März in diesem Blatte gelesen und auch seinem Schwager Raimund Ihli zu lesen gegeben. Herr Ihli läßt grüßen, bittet um einen Brief und, wenn Herr Magnus so freundlich wäre und würde ihm diese Zeitung bestellen, so wäre ihm dies sehr angenehm und würde sich dankbar zeigen, denn er hat schon große Kinder, die alle gerne die Zeitung lesen würden. Herrn Steige meine besten Grüße und Aufklärung. Ich stamme aus Straßburg, Südrußland, Sohn des Michael Augustin Braun und bin in Kraßna der Stiefsohn des Adam Erker. Zum Berichtschreiben bin ich jederzeit, aber das Beste dazu fehlt, nämlich die Marken zum Absenden. Der liebe Gott hat bis jetzt immer mitgeholfen, würde gerne jede Woche einen Bericht senden, aber es geht nicht anders. Herrn Steinke möchte ich bitten, falls sich in der Umgegend von ihm Kraßnaer befinden, die diese Zeitung nicht abonnieren sollten, solche zu lesen geben und denselbigen empfehlen, zu verschreiben. Ich glaube, daß sich jeder interessiert für seine Heimat.

Der Redaktion und dem Leserkreise hüben und drüben die besten Grüße.

Josef M. Braun.