Bismarck, Nord Dakota
vom 12.07.1929
Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien
den 12. Juni 1929
Sehr geehrter Redakteur J. Brendel!
Will meinen Bericht heute mit den Ernteaussichten beginnen und eine gewisse Befriedigung darüber kundgeben: Es hat nämlich bei uns schön geregnet, und die Aussaaten stehen für jetzt auch schön da. Auch gestern Abend regnete es wieder; wir sind daher in der vollen Hoffnung eine gute Ernte zu erlangen. Doch hat man einen Kampf mit den Schädlingen durchzumachen. Am Raps arbeiten die Raupen, die man durch Bespritzen der Pflanzen mit einem für sie verderblichen Giftes vertreiben wollte, aber ohne Resultat. Die Raupen sind noch nicht überall, nur an den Anhängen. Dasselbe ist auch an den Obstbäumen, die nicht erfroren sind. Die Akazien sind meistens kaputt. Wenn man neben den Hofmauern durchs Dorf geht, so sieht man bald nur dürre Äste anstelle eines hübschen Grüns. Dazu trug die große Trocknung und der Frost bei.
Seit 8 Tagen bemerken wir eine sonderbare Erscheinung von Schmetterlingen, Millionen und abermals Millionen dieser kleinen Dingerchen. Geht man aufs Feld hinaus, so wird man von den Insekten ganz weiß umzingelt. Was daraus werden wird, ist nicht vorauszusagen, daß weiß wenigstens ich nicht.
Als großer Schädling ist der Erdhase aufgetreten, der das Welschkorn auffrißt. Viele mußten zum zweiten Male pflanzen. Man ist aber ernst an der Sache die Kerls zu vertilgen. Einige Wirte machen sich zusammen und bearbeiten eine gewisse Strecke Landes, alle Löcher werden da aufgesucht und in dieselben Gift hineingelassen. Das Loch wird zugetreten und der Erdhase mit seiner Brut geht darin zugrunde. Diese Arbeit ist natürlich mit Auslagen und Mühe verbunden; zudem muß solche Arbeit gemeinschaftlich durchgeführt werden. Überhaupt ist diesjahr viel Ungeziefer zu sehen.
Ich nannte oben den Raps. Darüber muß ich eine kleine Erklärung geben. Daß man erst seit dem Kriege den Raps hier sät; er wurde von der Dobrutscha hierher gebracht. Wir hatten früher auch einen Raps gesät, den man hacken mußte, und dieser wird gesät wie auch die Gerste und andere Getreidekulturen. Der neue Raps blüht ganz gelb, der frühere rotgelb, wird gegen 1 ¼ Arschin hoch und die Stengelchen sind angefüllt mit Schoten. Tut der Bauer mit der Ernte verpassen, so fällt die ganze Ernte auf den Boden, denn die Schoten können zu einem Male platzen. Daher wird und muß dieser Raps etwas grünlich geschnitten werden. Die Körnchen sind etwas größer als der Hetterich, dem aber ziemlich ähnlich, die aber ein wohlschmeckendes Oel liefern. Dieser Raps wird früher als alle anderen Getreidearten geerntet. Jetzt kauft man den Raps schon auf und er steht noch auf dem Feld. Man zahlt 100 Lei pro Pud. Die Juden sind die Kaufleute dafür, die späterhin ihren Profit machen wollen pfiffig und schlau.
Interessant wird wohl auch ein kleines Stückchen sein, das mir mein alter Freund, Srul, erzählte, mit dem ich Soldat diente und den ich unlängst in Tarutino traf, wo ich geschäftlich zu tun hatte. Fr erzählte kurz folgendes:
„Es waren früher schlechte Jahre, der Jude machte schlechte Geschäfte, aber er hatte zwei Kollegen, einen Deutschen und einen Russen. Diese zwei ließ er zu sich kommen u. sagte ihnen: „Wißt ihr was, die Zeiten sind schlecht, und da gehen wir mal zu Gott und stellen ihm die Sachlage vor. Ich gehe zuerst, dann kommst du, deutscher Michel, und Feodor, zum Russen, posletni (der letzte). Da, da, meinte der Feodor, poka Rumotschka wipit (vorher noch ein Gläßchen trinken).
Der Jankel erwischte seinen Zylinder und fort gings. Was willst du hier, Jankel? frug Gott den Juden. Verzeih mir, Gott, begann der Jude seine Erklärung, ich bin ein Mann mit vielen Kindern, habe, um sie zu erhalten, viel geschwindelt. - So, meinte Gott, du sollst auch ein Schwindler bleiben. - Aus diesem Grunde tun die Juden auch manchmal herzwütig schwindeln.
Die Reihe kommt an den Deutschen; der arbeitet gemütlich auf dem Hof und durch die Arbeit hat er gänzlich vergessen zu tun, wie verabredet. Endlich schmeißt er die Gabel zur Seite, zieht seine Sonntagskapp auf und fort zu Gott. Was willst du, Michel? frug Gott. Verzeih, lieber Gott, erklärte der Michel, daß ich verspätet bin, denn ich habe so viel auf Hof und auf dem Feld herumzuarbeiten, daß man mit der Arbeit niemals fertig wird. - Da sagte Gott zu dem deutschen Michel: Du sollst auch weiter sähen und ernten und dabei niemals fertig werden mit der Arbeit.
Als Dritter war nun der Russe, der Feodor, an der Reihe. Auch er ging sein Urteil zu holen und sein Anliegen Gott vorzubringen. Er zog seine Tschoboti (hohe Stiefel) an, fuhr mit den Fingern seiner rechten Hand durch sein langes Haar und mit der linken Hand streifte er aus seinem langen Bart die Strohhälmchen ab und ging. Unterwegs mußte der Russe an einer Schänke vorbei, ging da hinein, wie gewohnt und hat sich deshalb auch etwas verspätet.
- Strasti Gospadin, schrie der Russe, als er durch die Himmelstür kam, Gott wurde böse und sagte: In aller Frühe und schon betrunken. - Waren schon mehrere da? frug der Russe, Natürlich, sagte Gott, der Jude und der Deutsche. - Snaite schto, versetzte der Russe weiter: Daite Mokoritsch.
Welche Anweisung Gott dem Russen gegeben hat, wurde nicht bekannt, denn auf dem Rückwege kehrte er wieder in der Schänke ein und bis er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, hatte er auch alles vergessen, was Gott ihm sagte. Es wird aber wohl dies sein, daß er dem Russen ohne wichtige Gründe Verspätung und eine Vorliebe zum Trinken auferlegte“.
Als der Srul fertig war sagte ich ihm: „Ich weiß, diese Geschichte passierte, als die Juden in Aegypten waren.“ Der Srul machte sich auf und ging.
Ein Igel in Gänse- und Entenfedern.
Ein drolliges Geschichtchen spielte sich da im Dorf ab bei Anton Schick. Ein echter, mit Gewicht betrügender Federaufkäufer, will mit besonderer Vorliebe von den Weibsleuten kaufen, die er am besten betrügen kann.
Die Federn sind aber da schon für den betreffenden Federjud vorbereitet. Er wiegt mit seiner Wage. Akkurat drei Pfund, sagt er, zahlt und trägt seine gekauften Federn auf seinen Wagen, der auf der Straße bereit stand. Als sie nun auf einer anderen Stelle anhielten, sieht der Händler, daß sich die Federn bewegen, als wäre da etwas Lebendiges im Sack. – „Wus ist dus?“ meinte der eine. „Dus is a Gänsl!“, meinte der andere. Der Dritte nahm seine Peitsche, ohne die er in keinen Hof hineingeht, den Sack Federn auf den Rücken und zurück zum Verkäufer. Dort wurden die Federn in ein Faß geleert, ein Igel kam zum Vorschein, dessen Stacheln mit Federn voll waren. Der Jude mochte keine Federn verlieren, las sie von den Stacheln ab und bekam diese an den Fingern zu fühlen. Dazu meinte er: „Er baast.“ Als man dann die Federn im Beisein mehrerer anderer, die dem Spaß beiwohnten, nochmals abwog, gab das Gewicht auch nicht weniger als drei Pfund, wie der Verkäufer angegeben.
Gestorben sind: Am 11. Mai Amalie Groß im Alter von 21 Jahren, Tochter des verstorbenen Edmund Groß. - Am 8. Juni Reinhold Habrich, Sohn des Michael, hinterließ Frau und 4 Kinder. Sie mögen ruhen in Frieden.
Heute Morgen sind nach Kanada von hier abgereist: Basilius und Frau Harsche mit 4 Kindern. Die Frau ist die Tochter von Michael Heinz - Peter Harsche mit seiner Frau Grezentina, Tochter des Karl Kopp, und 4 Kinder. - Alexander Kuß mit Frau Rufina, Tochter des Simon Ziebert und 4 Kindern. - Mit ihnen zusammen fuhren noch zwei Brüder, Adam Kuß und Bernhard Ziebert, als ledige Personen. - Peter Heinz mit Frau Klara, Tochter des verstorbenen Edmund Groß, und ein Kind. -Johannes Müller mit Frau Klara, Tochter des Philipp Winter, mit 5 Kindern. - All denen eine glückliche Reise und recht guten Erfolg in ihrer neuen Heimat. Die neuen Kanadier wurden auch mit der „Dakota Rundschau“ hier bekannt und sagten, daß sie drüben sich das Blatt kommen lassen werden. -Die anderen Reiselustigen hier, die dazu auch vorbereitet sind, haben ihre Pässe noch nicht erhalten, darüber werde ich später berichten.
Getraut wurde der Sohn des verstorbenen Clemens Müller, Reinhold, mit der Tochter des Wendelin Hinz, Rosalia. Viel Glück im Ehestand.
Zum Schluß will ich noch beifügen, daß ich mit Ihrer Zeitung, Herr Brendel, sehr zufrieden bin und danke bestens für Zusendung derselben.
Um den Kraßnaer Landsleuten in Amerika und Kanada, die schon lange von ihrer alten Heimat weg sind, und bei denen manches in Vergessenheit ging, ein richtiges Bild über manche Veränderungen und die jetzige Lage zu geben, werde ich von nächster Zeit ab mit einer gründlichen Beschreibung des Dorfes beginnen. Ich werde jeden Hof von einem Ende bis zum anderen Ende durchnehmen. Den ausgewanderten Kraßnaern und alle, die das Dorf früher kannten, soll diese Beschreibung als Aufklärung dienen. Ich rate daher jedem, der dafür ein Interesse hat, das Blatt aufzubewahren, denn alles wird auf geprüfter Wahrheit beruhen. Ich sende ganz allein an die „Dakota Rundschau“ Berichte ein.
Die besten Grüße an die Redaktion und die Leser hüben und drüben.
Joseph Braun.