Auszug aus der „Dakota Rundschau“ 21. Februar 1930 · 📰

Gallery ➤ 📰

Gallery ➤ 📰

Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland

Kraßna, Bessarabien,
den 17. Januar 1930

Sehr geehrter Herr Brendel!

Am 4. Januar, 6 Uhr abends, ist bei Christian Fleckenstein in seinem Rapsschober Feuer ausgebrochen, das aber bald mit den Gabeln unter Kontrolle gebracht wurde. Zehn Minuten später drohten zwei Häuser ein Raub der Flammen zu werden, daß natürlich auf Tod und Leben bekämpft wurde.

Die Feiertage verliefen bei uns sehr einfach, nämlich bei Wasser anstatt Wein, gerade wie bei den Amerikanern. (Da irren sie sich. Wenn der Amerikaner keinen Wein hat, so hat er doch sicher Fusel. - Red.)

Wiederum haben sich einige Familien zum Auswandern nach Brasilien gemeldet, und zwar: Johannes Ruscheinsky, Max A. Sehn, Erasmus Becker, Georg Wutschik, Mathias Wutschik, Joseph Wingenbach, Kaspar Weber, Lukas Paul, Anton Wingenbach, Mathias Kunz, Max R. Dirk, Joseph Ternes und Vinzenz Fenrich. Wann sie abreisen, ist noch nicht bestimmt, man nimmt aber an, daß sich die Abreise im März vollstrecken wird.

Heute wurden 70 Familien in die Kanzlei gerufen, die sich früher schon zur Ausreise nach Kanada einschreiben ließen, und es wurde ihnen mitgeteilt, daß sie Auslands pässe erhalten können, wer also das noch wünscht. Möge Gott allen über das große Wasser helfen. Werde späterhin weiteres über die Auswanderer berichten. Grund der Auswanderung ist: wenig Land, große Familien, Teuerung und knappe Jahre usw.

Hier ein Beweis einer bescheidenen Neujahrsfeier. Wir waren schon im Begriff, am Neujahrsabend in die Maistube zu gehen, als plötzlich jemand ans Fenster klopfte. Ich öffnete die Tür und bat, hereinzutreten, denn ich sah, daß es meine Nachbarsleute waren. Aber was bemerkte ich zu meinem Erstaunen? Der eine trug einen Topf Kartoffelsalat, der andere einen Ring Wurst, der Dritte ein Stück Speck, etwas Schmalz, Kraut und der Sechste einen Laib Brot; auch der Siebente brachte etwas, nämlich eine Flasche Kognak, reinen Kognak aus dem Brunnen. Wir fühlten uns ganz fröhlich zusammen; denn dabei gab es auch Musik und natürlich wurde auch getanzt, was ich mir doch nicht vorher träumte.

Zum Schluß meinte einer meiner Gäste, daß ich das ja nicht in der Zeitung erwähnen soll. Gewiß nicht, gab ich mein Versprechen, des muß mer hehl halte,

Mit Gruß
Joseph Braun.

(Die folgende Fortsetzung der Beschreibung des Dorfes habe ich aus den einzelnen Fortsetzungen gesondert zusammengefasst / Wingenbach Auszug aus der „Dakota Rundschau“ 24. Mai 1929 - 30. Mai 1930)