Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 1. Juni
Geehrter Herr Redakteur Brendel!
In meinem letzten Schreiben teilte ich mit, daß der Winterweizen Schaden hat, jetzt aber ist die Sache ganz anders. Es hatte acht Tage gut geregnet, so daß er wieder ganz frisch und grün geworden ist und wenn alles in Ordnung bleibt, wir auf eine gute Ernte hoffen. Nur mit dem Raps haben wir eine Plage, denn die Raupen fressen ihn, wir haben schon Mittel dagegen angewendet, aber ohne Resultat. Hackfrüchte, welche Schaden durch den Frost litten, haben sich auch verbessert und sind wieder gut geworden.
Einige Wirte haben ihre Gerstenfelder nach der Ernte v. J. umgeackert u. wollten dieses Jahr Welschkorn hineinpflanzen. Als sie im Frühjahr hinauskamen, sahen sie daß die betreffenden Stücke grün sind und ackerten solche nicht um. Jetzt steht die Gerste in voller Pracht. So lange ich lebe habe ich noch keine solche Gerste gesehen, kurzum ein Meer. Nur schade, daß das Getreide keinen Preis hat: für die Gerste zahlt man 20 Lei und Bobschoi 34 Lei.
Auf Christi Himmelfahrt am Donnersteg, den 29. Mai ging´s mit Prozession auf den Friedhof, wo P. Leibham eine rührende Predigt hielt. Er sprach über die Gefallenen im Weltkrieg und beantragte eine Sammlung für ein Denkmal zu errichten, das schon auf vielen Dörfern getan wurde. In der Vesper kamen 2500 Lei zusammen.
Unser Oberschulze hat Männer bestimmt, die von Hans zu Haus gehen werden. um weiter zu sammeln.
Ihr Schreiben, Herr Brendel, bestätigend, teile ich Ihnen den Dank der Brüder F—h mit, die auch in der Zukunft darüber nicht vergessen werden. Unser Abgeordneter Oberpastor Haase in Tarutino, ein liebenswürdiger Herr, an den man sich mit ihrem Schreiben sofort wandte, wird erste Schritte unternehmen u. meint, daß er Hoffnung habe, den Unglücklichen zu retten. Es war für mich eine Freude dazu beigetragen zu haben, und wenn ich die Ausgabe der „Dakota Rundschau“ bekomme, so sind schon drei da, die sie haben wollen. Jeder will sie lesen. Ich möchte unsere Leser in Amerika und Canada darauf aufmerksam machen, die diese Zeitung noch nicht haben sollten, leset sie dort und sendet sie Eueren Freunden hierher, die arm sind. Ihr macht ihnen die größte Freude.
Getraut wurden: die Witwe Elisabetha Ternes. geb. Fenrich, mit dem ledigen Sohn des Max Marthe, Albert. Beiden viel Glück im Ehestand.
Heute Morgen sind nach Canada abgereist: Vinzenz Fehnrich mit Frau Katharina, geb. Koch, u. ihren fünf Kindern; die Frau Veronika, geb. Rückert mit vier Kindern. Denen recht viel Glück in der neuen Heimat.
Dem Johannes Müller in Mondebele, Brasilien, die besten Grüße und die Bitte, öfters in der „Dakota Rundschau“ Berichte zu bringen, die hier gerne gelesen werden.
Den Lesern hüben und drüben und der Redaktion die besten Grüße.
Josef Braun