Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 28. Juli
Sehr geehrter Hr. Redakt. Brendel!
Seit dem 13. Juli sind die Leute hier in der Ernte, die recht schwer ist, denn durch den letzten Regen wuchs viel Gras, das die Mähmaschinen verstopft.
Am 9. Juli krepierten bei drei Wirten drei Pferde. Der Tierarzt setzt voraus, daß sie die sibirische Pest hatten, und daher sandte man Knochen von ihnen nach Kischineff zur Untersuchung.
Das Welschkorn ist sehr schön, besonders auf der Nordseite, man spricht von 4 Arschin hoch, hat sehr schöne Kolben angesetzt. Alte Männer sagen, daß sie niemals solch schönes Welschkorn sahen.
Als gestern die Witwe Gottfried Moldenhauer, geb. Spitznagel, Barbara, mit ihren zwei Kinderchen aus der Kooperative ging, kam ein Fohlen die Gasse hergelaufen und sprang über das älteste Kind; dasselbe mußte nach Tarutino zum Arzt gebracht werden und, wie man sagt, soll es keine Knochenbeschädigung davongetragen haben, doch hat es sehr viel Blut verloren, davon ich Augenzeuge war. Zum Unglück befindet sich diese Witwe in äußerster Not.
Am 23. Juli starb Christof Bunikowsky im Alter von 76 Jahren und hinterließ seine Witwe und mehrere Kinder. Ein Sohn, Gabriel Bunikowsky, befindet sich in Selfridge, N. D., dem diese Trauerbotschaft zur Nachricht diene. Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe.
Wir sind hier in solches Fahrwasser geraten, daraus schlecht herauszukommen ist. Die Getreidepreise sind schrecklich niedrig und daher die Geldknappheit schrecklich groß. Auch hier in den Dörfern machen sich Arbeitslose bemerkbar, die sich nicht mal zur Erntezeit was verdienen können. Ein Glück nur, daß hier die Chaussee gebaut wird und die Leute wenigstens für Salz und Suppe verdienen; manche gehen aufs Feld Aehren sammeln.
Herrn Kaspar Martin von seiner Mutter, Geschwistern und auch mir die besten Grüße; seine Berichte werden gerne gelesen und wandern von einer Hand in die andere.
Gruß der Redaktion und Lesern von hüben und drüben.
Joseph Braun
Ehre, dem Ehre gebührt.
Als im verflossenen Januar im Dorf Emental bekannt wurde, daß ich mit meiner Familie über den Dnester geflohen bin und wir uns in Bender befinden, sammelten die Leute Frucht und Geld für uns, ohne dazu aufgefordert zu werden. Nach meiner Befreiung begab ich mich mit meiner Familie nach Emental, um da als Religionslehrer zu wirken. Ich wurde aufs freundlichste begrüßt, jung und alt strömte herbei, um von uns über Sowjetrußland zu hören. Leider konnte ich in den Wintermonaten keine Beschäftigung bekommen. Da kam ein Werk der Barmherzigkeit von Seiten einiger Personen, derer Beispiel für viele als Nachahmung dienen kann, und zwar: Herr Hironymus Nagel, samt Frau Barbara, geb. Frisson; Herr Alex Nagel, samt Frau Rosa, geb. Groß; Herr Wendelin Nagel, samt Frau Elisabeth, geb. Tillmann; Herr Rochus Nagel, samt Frau Eva, geb. Groß; Witwe Anna Maria Kopp, geb. Schwab; Witwe Genoveva Reiß, geb. Groß, die mit ihrem Mann und Kindern auch 1925 aus Selz bei Odessa nach hier geflüchtet ist; ihr Mann Joseph Reiß, Franz Sohn, ist in dieser Zeit gestorben. Diesen Personen besonders und der Gemeinde Emental überhaupt spreche ich hiermit meinen offiziellen Dank für erhaltene Aushilfe aus.
Die Leute sind hier jetzt durchweg mit der Ernte beschäftigt, die mittel ausgefallen ist. Auf den letzten Regen kam eine starke Hitze, dadurch das Getreide zusammenbrannte. Die Aussichten auf Kartoffel und Welschkorn sind ausgezeichnet. Heute hat man auch mit dem Bau einer neuen Kirche hier begonnen. Im allgemeinen sind die Leute hier mißgestimmt, weil viele durch die allgemeine Lage in Schulden kamen und die auferlegte Steuer schwer zahlen können.
J. B., Emental, Bessarabien, den 25. Juli 1931.