Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 14. März 1912

Film 11463, Vol. 6, No. 33, Page 3

Emmenthal, Bessarabien, Rußland
Januar 10. 1912

Zuerst wünsche ich der Redaktion Glück zum neuen Jahre und viele Tausende neuer Leser.

Die Witterung ist bei uns, Gott zum lobe, recht schön. Die kältesten Tage hatten wir, nach Reaumer, 0 bis 12 und Schnee haben wir reichlich, sodas wir fleissig die Schlitten gebrauchen können.

Kürzlich fuhr mein Gevattermann Joh. Volk nach Bender, unserer Kreisstadt um sich 200 Rubel Geld aus der Bank zu holen. Mit wohlgefüllter Kasse also ging er in das Traktir zum Abendbrot. Bei diesem aber trank er wohl ein Gläschen Wein über den Durst, denn als er einmal auf den Hof ging und zurück in die Stube wollte, konnte er die Thüre nicht finden und musste bei drei Grad Kälte, wohl oder übel auf dem Hofe nächtigen. Natürlich war er am nächsten Morgen unwohl und hütet nun schon seit acht Tagen das Bett. Nichts für ungut, Gevattermann, aber schau ein andermal besser die Thüre dir an, wenn du hinausgehst, damit du sie wiederfindest.

Gruss an die Redaktion und an den Leserkreis von

M. Gross