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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 21. März 1912

Film 11463, Vol. 6, No. 34 and 35, Page 3

Emmenthal, Bessarabien Januar 21. 1912

In Nummer 23 des Blattes mußte ich bemerken, daß ein Korrespondent wegen meines Artikels „Von einem bösen Weibe“ mich vertheidigte, damit mir nicht etwa von einer oder der andren Leserin Unrecht geschehe. Leicht auch hätte so etwas passiren können, da aber der gute Mann solche Leser und Leserinnen, die dazu im Begriffe waren, auf die Sprüche Salomo verwies, haben hoffentlich solche der Leser diese sich aufgeschlagen und sind nun beruhigt.

Weiter las ich in Nummer 24 des Blattes von einem anderen Korrespondenten, der da meldet, daß die bösen Weiber durch meinen Artikel hart betroffen wurden, bestätigt aber daß derselbe ganz am Platz wäre, daß er aber dadurch sehr büßen haben müssen, weil seine Frau auch zu den bösen Weibern zählt. Ich bedauere aber aufrichtig, daß ein guter Mann dadurch zu büßen hatte. Weil ich nun aber dieses Unheil verschuldet, will ich diesem werthen Manne und auch allen Lesern des lieben Blattes sagen, daß gerade die bösen Weiber die besten sind - nur muß man wissen, daß man mit diesen nach dem Ehestands-Protokoll zu leben hat. Nun möchte doch auch wahrscheinlich mancher Leser und manche schöne Leserin wissen, welches das für ein Protokoll ist und welche Bewandtniß es mit solchem hat. Solchen nun diene nachstehendes. Monter war in einem großen Bankgeschäft als Buchhalter angestellt. Außer ihm aber waren noch viele andere Männer gleichfalls in der Bank bedienstet. Dieser junge Mann stand eines schönen Tages am Fenster des Kontors und schaute verdrießlich hinaus in den Garten, wo der kalte Novemberwind in letzten der abgefallenen Blätter in tollem Wirbeltanz umherjagte.

Nachdem er sich eine Weile dieser wenig ergötzlichen Beschauung gewidmet, dreht er sich plötzlich um, warf einen trübseligen Blick auf den Wandkalender neben seinen Schreibpulte, und bemerkte, daß derselbe das Datum des 10. November zeigte. Endlich entfuhr ihm ein tiefer Seufzer: „Mein Hochzeitstag. Heute vor einem Jahre um diese Stunde - ach, wie kam mir der Ehestand damals so herrlich vor. Ziska war so sanft wie ein Engel und sah aus, als könne sie nur Worte der Liebe und Zärtlichkeit zu mir sprechen. Warum nur muß sie solche Zungenfertigkeit entwickeln, daß sie stundenlange Gardinenpredigten halten kann?“ - Wieder ein Seufzer, noch schwerer als der erste, so daß der alte Buchhalter Romandaal, der Senior des Kontorpersonals, sich umwandte und mit spöttischem Lächeln bemerkte: „Nun, Kollege Monter, Sie scheinen heute wenig zu Arbeit [es fehlen hier vor der Hand eins oder einigen Zeilen; vielleicht heißt es (in blauen Buchstaben):] geneigt zu sein. Was ist denn los?“ „Weil es den ersten Jahrestag meiner Verheirathung ist“, gab Monter betrübt zur Antwort. „Der erste seitdem, nicht wahr?“ frug der alte Buchhalter, welcher mit dem jungen Manne auf ziemlich vertrautem Fuße stand. „Also, ein Jahr aufgenügt zu sein, daß heute der Jahr nach Ihrer Hochzeit seufzen Sie schon? Ei, ei, Kollege, macht Frauenliebe das Haus denn so unangenehm?“

„O ja, das kann schon vorkommen“, entschlüpfte es dem jungen Manne, aber schnell sich verbessernd sagte er entschuldigend: „Das heißt, ich habe über sonst nichts zu klagen, wenn sie nur nicht - nun, sie spricht ein wenig zu viel.“ „Hem, jawohl, ich kenne das. Ja, Frauen sind oft damit behaftet und dann setzt es natürlich für die Männer allerhand Predigten ab.“

„Ja“, platzte Gerhart Monter heraus, „sogar stundenlang hintereinander, und um was? Um nichts, um Kleinigkeiten. - Wenn ich, zum Beispiel, einmal ein Stündchen später aus dem Gasthause komme, oder nicht pünktlich auf die Minute am Tische erscheine, oder.……“

„Nun, mein lieber junger Freund“, fiel der Alte ihm in die Rede, „hat Ihre Frau denn immer so großes Unrecht? Ich weiß doch, daß Sie Abends ziemlich lange im Gasthause kleben.“

„Deshalb braucht sie zu Hause aber nicht so gegen mich aufzufahren,“ vertheidigte sich der junge Mann. „Das ewige Keifen gerade ist es, was mich verstimmt.“ Ein Lächeln glitt über das runzelige Gesicht des alten Buchhalters. „Sie führen wohl kein Ehestandsprotokoll?“ frug er nach einer Weile.

„Ein Ehestandsprotokoll?“ wiederholte Gerhart neugierig, „Ja, was ist denn das?“

„Ein ganz unschuldiges und einfaches Mittel. Sie legen sich ein Buch an, schreiben darauf „Ehestandsprotokoll“, und halten es immer hübsch unter Schloß und Riegel, denn bekäme Ihre Frau es in die Hände, flöge es im nächsten Augenblicke ganz sicher's Feuer. Sobald Ihre Frau nun brummt oder schimpft, holen Sie das Buch herbei und schreiben alles nieder was sie sagt. Die Haupt- und Kraft-Ausdrücke aber werden unterstrichen, damit sie mehr in die Augen fallen. Sie verstehen doch wohl, wie ich es meine, Herr Kollege? So machen Sie es dann Tag für Tag. Aber zu bestimmten Zeiten, zum Beispiel am ersten Tage jeden Monats, und wenn Ihre Frau gerade wieder recht im Zuge ist, bringen Sie das Buch zum Vorschein, und lesen ihr Wort für Wort vor, was in demselben geschrieben steht. Ich gebe Ihnen die Versicherung: das wird mit der Zeit helfen.“ - Der alte Herr beugte sich nun eifrig über seine Bücher, zum Zeichen, daß er weiter nicht gestört sein wolle.

Auch Monter nahm seine Feder wieder zur Hand. Während er nun fleißig darauflos arbeitete, verschwand der verdrießliche Zug nach und nach aus seinem Gesicht. Der Rath seines alten Freundes aber ging ihm dabei beständig im Kopfe herum. Je mehr er sich damit vertraut machte desto hoffnungsvoller wurde ihm zu Muthe. Als es Mittag läutete, griffe er nach Hut und Stock und ging langsam nach Hause, doch trat er im Vorbeigehen in einen Laden ein und kaufte sich ein dickes, solid eingebundenes Buch, mit vielen schönen weißen Blättern.

* * * * * * * *

Franziska Monter war eine flinke, fleißige Frau, aber trug einen strengen Zug um den Mund, der gar nicht zu ihrem hübschen Gesichte paßte. Man hätte es ihren frischen, rothen Lippen nicht annsehen sollen, daß sich eine solche Fluth zorniger und nicht immer gewählter Worte über sie ergießen könne. Selbst in diesem Augenblicke lag wieder eine drohende Wolke auf ihrer Stirne, und ihre Mundwinkel zogen sich unheilverkündend zusammen so oft sie auf die Uhr sah, die schon ein Viertel vor eins anzeigte. Sie wartete mit großer Ungeduld auf ihren Mann, der endlich eintrat.

„Ei, bist du schon da, du Ausreißer?“ empfing die kleine Frau ihn bissig. „Du hast wohl wieder mit deinen guten Freunden beim Frühschoppen gesessen, du Zechkumpan. Und nun ist es eine geschlagene Viertelstunde später geworden. Freilich, was kümmert es dich, ob und wie du sich und der „Sajus“ einschreiben gelast, und ob deine Frau auf dich wartet?“

Statt aller Antwort nickte Gerhart Monter ihr zu, zog das soeben gekaufte Buch aus der Tasche seines Ueberziehers, setzte sich, ohne seiner höchst erstaunt und zornig dreinblickenden Gattin auch nur ein Wort der Erklärung zu gönnen an den Tisch, und schrieb auf die erste Seite des Buches: „Dienstag, den 10. November-Ausreißer, Zechkumpan, Tagedieb.“

Aber Frau Monter war noch nicht fertig mit ihrer Strafrede, sondern fuhr unbeirrt fort: „Soll das theuere Essen, das ich mit so vieler Mühe und Sorgfallt zubereitet habe, denn jeden Mittag total verderben?

Merkwürdig, da er alle die liebenswürdigen Benennungen, mit denen seine Frau ihn bedachte, in seinem Protokoll verewigte, kränkten sie ihn weniger als sonst. -Mit einem noch unter der Thuere - zurückrufenen „Erzbummler“ war Franziska unterdessen in die Küche geeilt. Gerhart hatte doch etwas verblüfft aufgeschaut; als er das Wort „Erzbummler“ aber schön geschrieben und dick unter strichen auf der ersten Seite seines Buches stehen sah, wahrhaftig, da nahm es sich besser aus. - Die folgenden Tage aber lieferten reichlichen Stoff für das Protokoll. Am 12. des Monats wies das Buch bereits eine Anzahl engbeschriebener Seiten auf. Eine einzige Gardinenpredigt füllte allein vier Seiten. Sonst pflegte Gerhart Monter bei solchen Gelegenheiten recht zornige Antworten zu geben aber jetzt hatte er es zu eilig und auch keine Zeit, denn er mußte genau aufpassen, und das Gesagte wortgetreu seinem Gedächtnisse einprägen und zu Papier bringen, damit ihm ja kein charakteristisches Wort verloren gehe. So blieb er seiner Frau denn die Antwort schuldig - und, siehe da, von dieser Zeit an wurden Franziska's Strafpredigten kürzer.

Als der letzte Tag des Monats heranrückte, umfaßte das Protokoll 39 engbeschriebene Seiten. Gerhart spitzte sich auf den ersten Dezember, wie ein Kind auf den 24. den Vorabend des Weihnachtsfestes. Das Umstoßen des Salzfäßchens, dessen er sich mittags bei Tische schuldig machte, gab wieder Veranlassung zu einem kleinen Ausbruch, der mit allerlei Zärtlichkeitsausdrücken geschmückt war. Plötzlich jedoch, als sie eben ein wenig einhielt um Athem zu schöpfen, verstummte sie vor Erstaunen. Ihr Mann hatte sein Buch herbeigeholt, sich zu seiner vollen Höhe aufgerichtet, und ihr mit Donnerstimme zugerufen: „Schweige. Ich verlange einen Augenblick der Ruhe für das Ehestandsprotokoll. -Das Wort hatte etwas so Ehrfurchtgebietendes Gestrenges an sich. Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, aber sie hörte schweigend zu, als ihr Mann jetzt erklärte: „In diesem Buche stehen, Tag für Tag, alle Schimpfnamen aufgezeichnet, mit denen meine geliebte Ehegattin Franziska Monter, geborene von Daivenaard, mich bedacht hat.

Dienstag, den 10. November: Ausreißer, Zechkumpan, Tagedieb, greulicher Egoist, Erzbummler.

Mittwoch, den 11. November: Du bist nicht werth, daß dich die Sonne bescheint. Das Zechen geht dir über alles. Wenn du einmal in Wirthhause sitzest, stehst du nicht wieder auf. Du bist der unsolideste Mensch unter der Sonne, ein Herrgotts-Müßiggänger erster Klasse.“-

So ging es wohl eine Stunde lang ununterbrochen fort. Franziska hörte eine Zusammenstellung von Worten und Redensarten, die nichts weniger als liebevoll und einer gebildeten Frau gänzlich unwürdig waren. -Das alles sollte sie gesagt haben? Unmöglich - aber, es stand doch schwarz und weiß da. -Als Gerhart geendigt hatte, stand sie auf, hielt ihre Schürze vor die Augen, und stürtzte schluchzend aus den Zimmer.

„Es hat gewirkt,“ jubelte ihr Mann. „Glücklicher Einfall.“

„Geben Sie wohl acht, nun müssen Sie nicht aufhören,“ ermahnte ihn der alte Buchhalter Romandaal, als Monter ihm am folgenden Morgen freudestrahlend das Ergebniß seines ersten Versuchs berichtete. „Setzen Sie die Sache nur durch, sonst wird es nichts helfen. Gerhart gelobte dies, und er hielt Wort.

(Schluß folgt)

28. März 1912
Emmenthal, Bessarabien, 21. Januar, 1912
(Schluß)

Am Abend desselben ersten Dezember nun, saß Frau Franziska Monter mit einer Handarbeit beschäftigt, allein in ihrem Zimmer. Das Ehestands-Protocoll lag ihr fortwährend im Sinn. Die kleine Frau war zwar reizbar und aufbrausend, aber sie besaß im Grunde ein gutes Herz und schämte sich nun doch.

„Das alles soll ich gesagt haben? Gab ich ihm wirklich solch' häßliche Namen? Nein, die verdient er doch nicht, gewiß nicht. Ich habe genug Verdruß mit ihm, mehr als genug, wenn er …wenn er..nun, ja“ -die junge Frau erröthe plötzlich bis an die Haarwurzeln-“ wenn er mir nicht immer den Willen thut. Ich verlange freilich nichts unrechtes von ihm, im Gegentheil, aber …“ Und bei diesen Worten ihres Selbstgesprächs blieben Franziskas von Natur helle, muntere Augen rathlos, und wie um Hilfe suchend, auf dem Nadelkissen in ihrem Nähkorb haftend. „Aber, wenn er auch nicht immer nach meinem Sinne handelte, hatte ich darum das Recht, gleich böse zu werden und ihm allerlei unverdiente Vorwürfe zu machen? - Nein,“ schien ihr ihre ganze Umgebung zuzurufen. Sie sah sich in dem hübschen Zimmer um, das die Liebe ihres Gatten so freundlich für sie ausgeschmückt hatte.- Dort am Fenster stand ihr zierlicher Nähtisch, ein Geschenk Gerharts aus den seligen Tagen ihres Brautstandes; auf dem Regale an der Wand war eine Reihe elegant gebundener Bücher aufgestellt ihre Lieblingsschriftsteller, mit denen er sie hier und dar überrascht hatte, wenn er von einem Ausgange nach der Stadt zurückkehrte. In dem schönen messingen Käfig in der Ecke des Zimmer badete eben der kleine Kanarienvogel, welchen er ihr an ihrem ergangenen Geburtstage gebracht, weil er wußte, wie sehr sie sich einem solchen gewünscht hatte. Aber, je lauter das „Nein“, welches jeder der Gegenstände ihr entgegenzuzurufen scheinen, in ihr Herz drang, desto hartnäckiger widerstand sie demselben und machte nur das böse Protokoll für alles verantwortlich. „Wer mag ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Ich bin überzeugt, aus sich selber ist er nicht darauf gekommen. O, das verwünschte Buch.“ Nach diesem aufrichtig gemeinsten Stoßseufzer versank Frau Franziska in trübes Nachdenken. Sie fühlte recht gut, daß ihr Mann sie mit seinem Ehestandprotokoll schließlich ganz zum Schweigen bringen, ja ihr sogar wahrscheinlich den Pantoffel aus der Hand winden werde. Das aber durfte und sollte nimmer geschehen. Was konnte sie nur thun, dieser schrecklichen Möglichkeit vorzubeugen? Ihr Blick, der durch das Fenster auf die Straße hinausschweifte, fiel auf einen wohlbeleibten Mann mit vergnügtem Gesichte, der eben über die Straße schritt. Es war der Oekonom des Casinos, das ihr Gatte eifrig zu besuchen pflegte. Die junge Frau sprang hastig auf, sodaß die Näharbeit, mit welcher sie beschäftigt gewesen war, auf den Boden rollte, und triumphirend rief sie: „Nun weiß ich, was ich zu thun habe. Komm du mir nur das nächste Mal mit deinem Ehestandsprotokoll.“

**

Der Dezembermonat nahte seinem Ende. Gerhart Montor hatte seine seltsame Buchhaltung gewissenhaft weitergeführt. Merkwürdigerweise wurden in diesem Monate aber lange nicht so viele Blätter voll, wie im vorigen, und doch hatte der junge Ehemann sich alle Mühe gegeben, mit seiner Frau solche Gespräche anzuknüpfen, welche ihm Stoff für das Ehestandsprotokoll zu liefern geeignet schienen. Auch war er viel öfters als früher in's Kaffehaus gegangen und viel später als sonst abends aus dem Gasthaus zurückgekommen. Doch, wie sehr er sich auch darüber verwunderte, es gab deshalb nicht mehr in das Buch einzutragen. So viel Liebhaberei hatte er bereits an seinem wunderlichen Tagebuch, daß er heimlich fast ärgerlich darüber wurde.

Der erste Januar war gekommen. Gerhardt holte am Morgen dieses großen Abrechnungstages sein Buch hervor, um noch einmal den Inhalt zu übersehen. Diesmal waren nur achtzehn Seiten vollbeschrieben. Nicht einmal halb so viel als vorigen Monat,“ dachte er bei sich.

Es wurde Mittag. Die Gatten saßen sich beim Essen gegenüber und Gerhart beobachtete heimlich das Gesicht seiner Frau. Es sah so zufrieden und wolkenlos aus, wie kaum je zuvor. Er fing an, darüber zu knurren, daß zuviel Salz im Gemüse sei, erschrak aber dabei fast über seine Kühnheit, denn das konnte sich seine Frau doch unmöglich gefallen lassen, ohne aufzubrausen. Aber, siehe da: Franziska zuckte nur die Schultern und -schwieg. Gerhart bekam wieder einen gelinden Schrecken. Wenn seine Frau nicht böse wurde, so war es mit der Wirkung des Protokolls zu Ende. Er ging also noch weiter, und wagte es, das Fleisch unter aller Kritik zu finden. Das ärgerte Franziska natürlich, umsomehr, als ihr Mann sich gerade kein gutes Stück auf den Teller genommen hatte, während das ihrige schmackhaft und saftig war. Doch, sie beherrschte ihren Zorn und erwiderte kein Wort. Jetzt blieb ihm nur noch eins übrig, nämlich das Salzfäßchen umzuwerfen. Ein zorniger Blick funkelte ihm über den Tisch entgegen, nachdem er mit etwas unsicherere Hand auch dieses letzt Mittel versucht hatte, aber kein einziges Wort entschlüpfte ihren fest aufeinander gepreßten Lippen. Gerhart holte tief Athem. So mußte er also den Streit beginnen. Er räusperte sich und ließ ein halblautes „Donnerwetter“ vernehmen, um sich Muth zu machen. Da Franziska auch hierdurch nicht aus der Fassung zu bringen war, wurde er fast rathlos.

„Ich dulde das ewige Keifen nicht länger,“ brach er endlich los. „Hast du mich denn je etwas erwidern hören?“ frug seine Frau so sanft und schmeichelnd wie eine Braut, die zum ersten Male eine Falte auf der Stirn ihres Geliebten entdeckt.

„Ja, und tausendmal ja,“ rief Gerhart. „Sieh nur hier,“ und nun brachte er wieder das fatale Buch zum Vorschein. „Da steht es schwarz auf weiß. Jedes Schimpfwort, das du gesprochen, habe ich hier angeschrieben.“ „Montag, den 1. Dezember: Nachschwärmer, eingefleischter Kneipier, Bruder Leichtsinn. Was für einen Taugenichts von Mann habe ich doch“

Blatt für Blatt wurde hingeschlagen. Gerhart las sich allmälig in wirklichen Zorn hinein. Und nun kam die letzt Seite an die Reihe, auf deren Wirkung er die meiste Hoffnung setzte.

„Und hier …. Ha, was ist das?“

Frau Franziska schlug aber gegen alles Erwarten dieses Mal nicht die Schürze vor die Augen, und rannte auch nicht aus dem Zimmer, wie bei der vorigen Gelegenheit. Sie fing vielmehr an, sehr uneheerbietig zu lachen, und sagte spöttisch: „Ist es schon aus? Es kommt mir vor, als ob die Vorlesung vorigen Monat viel länger gedauert hätte.“

Sprachlos ließ Gerhart das Buch sinken und starrte seine Frau an, die plötzlich ein ähnliches Buch aufschlug und vor sich auf den Tisch legte, mit den Worten: „Jetzt kommt mein Ehestandsprotokoll an die Reihe.“

„O weh,“ glaubte Gerhart zu träumen, als er seine Frau nun seine Sünden ihm vorlesen hörte. War er wirklich abends so oft in's Gasthaus gegangen, wie sie ihm schwarz auf weiß vorhielt? War er wirklich in einem einzigen Monat so oft um zwei Uhr morgens nach Hause gekommen? War es richtig, daß er in dieser kurzen Zeit über vierzig Rubel Taschengeld verausgabt hatte? - Franziska war schon längst mit Verlesen fertig, als ihr Mann noch immer duester u. schweigend vor sich hinstarrte. -Wer triumphirt hier? - Die verschiedenartigsten Gefühle stritten sich in der Brust des jungen Mannes, und allmälig dämmerte die Erkenntniß in ihm auf, daß auch er Schuld daran trage, wenn die Eintracht bisher öfters getrübt worden war. - Da stahl plötzlich eine kleine Hand sich in die seinige, und eine Stimme, so sanft und freundlich, wie er sie lange nicht mehr gehört, flüsterte ihm in's Ohr: „Nun, Gerhart, wie ist es? Sollen wir unser Ehestandsprotokoll gegenseitig weiter führen, oder sollen wir nicht lieber von heute an darnach trachten, so miteinander zu leben, daß in diese Bücher nichts mehr eingeschrieben werden braucht? Sieh, wir haben uns am Ende beide vorzuwerfen, daß seither so wenig Frieden und Gemüthlichkeit in unserer jungen Ehe zu finden war, aber wir können uns bei redlichen Willen bessern. Ich gebe dir meine Hand darauf, daß ich dir künftig freundlich begegnen will. Und du… Nun, du bleibst in Zukunft auch gewiß, gern einmal abends zu Hause bei deiner Ziska?“ -

Da flog das Ehestandsprotokoll Gerhart's plötzlich in die Ecke des Zimmers, er selber aber in die ausgebreiteten Arme seiner Frau, und die Gatten feierten eine aufrichtige Versöhnung. -

Lieber Leser: wir wissen doch, daß der menschliche Körper in sich 165 Knochen enthält, 500 Muskeln. Die Länge des Verdauungskanals beträgt gegen 10 Meter. An Blut hat ein erwachsener Mensch etwa 15,8 Kilogramm (ein Kilogramm etwa zwei Pfund. -Red. Staats-Anzeiger) oder den fünften theil seines Gewichts. Das Herz ist gegen 15,7 Centimeter lang und hat 10,5 Centimeter im Durchmesser. Es schlägt 70 Mal in der Minute, 4200 Mal in der Stunde, 100.800 Mal in einem Tage und 36.772.000 Mal im Jahre. Wer 70 Jahre alt wird, hatte beiläufig 2.565.740.000 Herzschläge. Durchschnittlich athmen wir in der Stunde 1200 Mal, wobei wir 600 Gallonen Luft, oder 14.400 Gallonen in einem Tage aufnehmen. Das durchschnittliche Gewicht des Gehirns eines erwachsenen Mannes ist 1¾ Kilogramm, das der Frau etwas weniger (weil sie längere Haare haben.) Mit dem Gehirn sind die Nerven entweder direkt, oder durch das Rückenmarck verbunden. Ihre Zahl, wenn man alle Abzweigungen zählt, übersteigt die der großten Armee die je aufgestellt war. Jeder Quadratcentimeter unserer Haut enthält 65 Poren, welche in Wirklichkeit kleine Röhrechen sind von geringer Länge, aber im Ganzen wären es doch gegen 63.365 Meter.

Hätte Gerhart Monter und seine Franziska die Bestandtheile der Ehe so betrachtet, wie die des menschlichen Körpers beachtet und betrachtet werden müssen, soll derselbe in gesunden Zustande bleiben, so hätten sie kein Ehestandsprotokoll gebraucht. Wird aber eine solche Sache vernachlässigt, so hat man lange zu thun bis alles wieder in Ordnung gebracht ist. –

Die Witterung ist heute, den 21. regnerisch und warm. Neues aus Emmenthal kann ich diesmal weiter nicht berichten.

Danke meinem Kollegen Anton Jochim für den übermittelten Neujahrsgruß, desgleichen auch Peter Jochim und Familie. Hoffe auch bald wieder von ihnen etwas im Blatte zu lesen.

Gruß allerseits, besonders an meine Schwiegersöhne Ignatz Groß und Eduard Richter in Morton County Nord-Dakota.

Achtungsvoll

Romuald Dirk.

dokumente/zeitungen/eureka/d-19120321-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher