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Film 11463, Vol. 6, No. 36, Page 3
Emmenthal, Bessarabien Januar 24. 1912
(Schluß)
Viele Frauen verfallen, in Bezug auf Kleidung, hier in zwei Extreme; In Gesellschaft erscheinen sie zu sehr aufgeputzt, und in Hause zu schmutzig und abgerissen, ohne das oder jene Loch oder Defekt ausgebessert zu haben. Das Weib aber muß ihrem Manne vorzueglich zu gefallen suchen und hat daher hinsichtlich Behandlung ihres Körpers und ihrer Erscheinung außerhalb zu richten. Möchte jede Leserin eine glückliche Zukunft von der Wahrheit dieser Maxime überzeugen. Weiter vergiß auch nicht, deinen Geist unaufhörlich zu vollkommen, denn bei aller Sorchfalt, werden doch deine Reize früh genug verwelken. Ohne anzunehmen, dein Mann liebe dich nur dieser willen, ist es doch gewiß, dass, ob er gleich jetzt wonnetrunken in deinen Armen schwelgt, Zeit und Genuß sein Feuer kühlen werden. Dann ist es an der Zeit, daß dein Geist durch seine Annehmlichkeiten und durch seine Bildung ihn mit neuen Vergnügungen unterhält, und so die schwindenden körperlichen Reize ersetzt. Ein gebildeter Geist altert bekanntlich nie und man fühlt sich in seiner Atmosphäre immer wohl. Eine Frau, die ihre Bildung nicht fortsetzt und ergänzt, erschöpft sich sehr bald in ihren Hilfquellen. Suche daher dich in den Stunden, welche dir bei guter Eintheilung der Zeit von häuslichen Verrichtungen frei bleiben, durch gewählte Lektuere und durch Umgang mit außerlesenen, geistreichen und tugendhaften Frauen und Freundinnen immermehr auszubilden, dein Wissen zu vervollkommnen, dein Herz und deine Empfindungen zu verfeinern und zu veredeln. Trachte nicht nach Wissen und Weisheit welche nicht für dein Geschlecht passen. Es ist nichts unerträglicher als eine Frau, welche die Gelehrte in Sachen spielen will die ganz außerhalb ihrer Sphäre liegen. Jede Kenntniß muß auf Vervollkommung deines Hauswesens auf das Wohlbefinden deines Mannes auf die Erziehung deiner Kinder, auf Veredlung deiner Weiblichkeit hinzuarbeiten streben, wenn sie deiner Mühe sich werth erweisen soll. Bei alledem hüte dich, in Rathschlägen, welche du etwa deinem Manne ertheilst, in einen befehlenden oder überlegenen Ton zu verfallen. Selbst wenn du wirklich in manchen Sachen einen helleren Blick haben solltest, darfst du nie in Uebergewicht des Geistes gegen deinen Mann durchblicken lassen. Dies wäre gewiß für ihn so drückend, als daß er dich deswegen lieben sollte. Dann verletze auch die Schamhaftigkeit nie um ein Haar. Schamhaftigkeit ist des Weibes größte Zier; sie ist dasjenige, was ihnen erst den bezaubernden Reiz giebt, ohne welche das Weib bei uns Männern zur gemeint Natur herabsinkt. Die Größte Schönheit wirkt wenig auf uns, wenn Schamhaftigkeit fehlt. Gar zu leicht kommen junge Frauen auf den Gedanken, daß sie sich nun nicht mehr zu genieren brauchen, weil sie das Ziel ihrer Wünsche erreicht hätten. Geehrte Leserin, ich hoffe und wünsche, daß dieser Gedanke nie in dir entstehen möge. Gerade die Frau, mehr als die Jungfrau, hat es nöthig, im Punkte der Scham äußerst vorsichtig zu sein. Der Mann wird mit den Reizen seiner Frau ohnehin bekannt genug, und mit der Zeit müssen auch die Wirkungen, wenigstens in etwas abgeschwächt werden. Nur durch weise Zurückhaltung, durch gewisses Verstecken derselben, bleibt der Mann immer an die Frau gefesselt. Verletzt in deinen Reden nie den Anstand. Glaube nicht, über alles was du weißt auch laut und offen sprechen zu dürfen. Es giebt Dinge in der Welt, welche durch die Aussprache ihres Namens unendlich verlieren. Weiter, ermüde deinen Mann nicht durch unnützes Gespräch, oder vielmehr Gewäsch. Nichts ist einem Manne von Geist unerträglicher als unaufhörliche Klatchereien und so weiter. Eine Frau, welche ihn damit plagt, macht ihm dadurch auch die besseren Momente ihrer Unterhaltung kraftloser, denn er wird einen gewissen Widerwillen gegen ihre Unterhaltung nicht überwinden können. Und wie viel hat sie dann schon verloren. Es mögen gewisse kleinliche Dinge nöthig und für den weiblichen Kreis wichtig sein, aber der Mann darf nicht mit solchen belästigt werden. Dem Manne muß das Leben nothwendig sauer werden, wenn er nebst der Sorgen für das Ganze, auch noch solche für Kleinigkeiten übernehmen soll. Merke dir Ueberhaupt: Höre nur wenig auf solche Klatschereien, und erzähle sie nie wieder. Gehe nicht mit Personen um, welche sich damit befallen, denn jedes Uebel wirkt ansteckend. Es giebt ferner auch Augenblicke, ja Tage im menschlichen Leben, wo man weder zum Sprechen noch Hören recht aufgelegt ist - man will für sich sein. Hüte dich, hauptsächlich an solchen Tagen, deinem Manne viel vorzuamüsiren, verursacht ihm jetzt vielleicht Ekel und Widerwille und diese könnten sich leicht auf die Plauderin übertragen. Selbst wenn du gewisse Dinge, welche man unter obige Rubrik schreiben kann, erzählen mußt, so thue es ohne Weitschweifigkeiten, und suche dabei so viel als möglich in der besten Laune zu erscheinen, denn Unannehmlichkeiten werden durch übel Stimmung noch unerträglicher. Beherrsche deine Launen. Jeder Mensch hat die seinen. Und ich glaube sogar, daß uns ein Mensch ohne Launen unerträglicher wäre, als der welcher solche hat. Ich stellte nicht in Abrede, daß eine Frau, welche sozusagen gar keinen eigenen Willen hätte, uns bald langweilig werden würde. So wahr dies aber auch ist, ebenso müssen sie sich doch hüten, ihre Launen zu heftig oder zu anhaltend zum Ausbruch kommen zu lassen. Wenn der Mann immer von derselben gepeinigt wird, wenn er, statt bei der Frau Erholung und Aufheiterung zu finden, nur von ihren Caprizen geplagt wird, dann muß er die Geduld verlieren. Gewöhne dich daher frühzeitig an jene Selbstbeherrschung, ohne welche man weder selbst glücklich sein, noch andere glücklich machen kann. Dann auch: sei äußerst vorsichtig im Umgange und in Gesellschaft fremder Männer. Ehre und Liebe sind Blumen, welchen der leiseste Hauch schaden kann. Ein einziges Wort, eine einzige Unvorsichtigkeit, kann dich, bei dem reinsten Herzen, in falschen Verdacht bringen. Erlaubst du nur ein einziges Mal etwas was einer Freiheit änhlich sieht, so wird man es gewiß dafür ansehen und sich zu mehr berechtigt glauben. Durch Unvorsichtigkeit kommen oft die schuldlosesten Personen in übeln Ruf, welchen sie in der Folge bei aller Mühe nicht auszurotten mehr im Stande sind, Selbst wenn der Mann von deiner Liebe und deiner Reinheit völlig uberzeugt ist, wird ihm ein falscher Verdacht, in welchem du bei anderen standest, nicht gleichgiltig sein können. Halte dich vorzüglich von zwei Gattungen Männer fern: erstlich von jenen Prahlern, welche sich gerne nie genossener Gunstbezeugungen rühmen und undelikten, welche selbst die gebildete Frau nach einer Gassendirne beurtheilen und sie auch so behandeln. Nichtsdestoweniger hüte dich aber auch vor Schmeichlern, welche unter der Maske der Ehrfurcht und Bescheidenheit ihr Ziel um desto sicherer verfolgen. Nach diesen: gieb keine Gelegenheit zur Eifersucht. Diese Regel ergiebt sich aus dem Vorhergehenden ganz von selbst. Eifersucht ist ein Funken, welcher, trotz aller Mühe, nicht leicht ausgelöscht werden kann, wenn einmal angefacht. Merke dir: sobald dein Mann dich bewachen muß, so steht sicher der Verlust seiner Liebe zu dir auf dem Spiele, denn er zweifelt an der deinigen zu ihm - du machst ihm Unruhe. Ich kann es daher durchaus nicht billigen, wenn Frauen sich an der Eifersucht ihrer Männer ordentlich weiden, und sie mit Fleiß zu erregen suchen. Der Schein thut oft so viel als die Wirklichkeit. Es kann ein unglücklicher Zufall hinzukommen, und die schon entbrannte Eifersucht verwandelt sich im Kopfe des Mannes zur unzweifelhaften Gewißheit - selbst wenn seine Frau wirklich unschuldig ist. Spiele nicht mit so gefährlichen Gefühlen. Thue, im Gegentheil, alles, was dem Manne deine Treue versichern kann, was ihm sogar den Gedanken an die Möglichkeit eines Fehlers benimmt. Ein Schatz, welchen wir immer bewahren oder vor Dieben sichern müssen, macht uns mehr Qual als Freude. -
Und nun, liebe Leserinnen, entschuldigt, daß ich mich in manche meiner obigen Auseinandersetzungen vielleicht zu tief hineingedacht und vielleicht wieder Unheil angerichtet haben könnte, wie mit meiner Abhandlung vom bösen Weibe. Für jetzt werde ich meine Korrespondenz als beendet auf diesem Gebiete betrachten, ist es aber der Redaktion, den Lesern und Leserin erwünscht, weiter über solche oder ähnliche Sachen zu hören, so werde ich, nach erhaltener Aufforderung oder Einwilligung, auf diesem Gebiete fortfahren. (Nun, wir können natürlich nur von uns selbst sprechen, aber wir halten die Abhandlungen des geehrten Herrn Korrespondenten für geradezu prächtig, zweckmäsig, und belehrend. Wir wären nun begierig, auch das Urtheil der lieben Lesern und Leserinnen zu vernehmen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Nun aber möchte ich auch von meinen Bekannten und Freunden in Nord-Dakota, Canada, Texas, Kansas, Montana und Wisconsin etwas hören. In jeder meiner Korrespondenzen sende ich herzliche Grüße, aber diese werden nur spärlich erwidert. Meinem Schwager Georg Mastio in Kansas, Anton Jochim und Peter Jochim in Nord-Dakota, danken ich und Angehörige nochmals herzlichst für bewiesene Freundschaftsgefühle.
(Mit der Uebersendung des Adreßbuches hat es eben die Bewandtniß wie früher bereits im Blatte klargelegt. Sie müßten von jedem Staate einzeln, und auch einzeln von Canada, solche haben. Geld an den Staats-Anzeiger einzusenden bietet doch keine Schwirigkeiten und dies kann mit unbedingter Sicherheit per Postanweisung geschehen, auch durch Bankwechsel. Briefe adressirt wie folgt: Der Staats-Anzeiger, Bismarck, Nord-Dakota, U. S. A., kommen unfehlbar uns zu Händen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Mit Gruß an alle meine Freunde, an den Leserkreis, und an die Redaktion, zeichnet
Achtungsvoll,
Romuald Dirk.
Film 11463, Vol. 6, No. 36, Page 3
Krassna, Bessarabien 5 Februar 1912
Zwar habe ich schon geraume Zeit nichts für das Blatt berichtet, und oft dachte ich schon: solltest doch wieder einmal eine Korrespondenz einsenden. Leider aber finde ich hier wenig Interessantes für den Leserkreis.
Das Wetter ist bei uns in Bessarabien mehr warm als kalt. Am 7. und 10. Januar hatten wir 16 Grad unter Null, einige Tage hatten wir von 1 bis 8 unter Null, aber die meisten Tage haben wir von 1 bis 5 Grad Wärme. Dreimal hatten wir Schneegestöber bei 8 Grad Kälte, nach drei oder vier Tagen aber raffte Thauwetter den Schnee wieder weg. Die Pelze braucht man diesen Winter hier nicht zu benutzen. Ich bin einige Male ohne Pelz, nur in der Jacke, auf die Jagd gezogen und mußte trotzdem arg schwitzen. Vielleicht hätte ich weniger geschwitzt, hätte ich auch nur einen Hasen gesehen, aber es wurde mir alles verleidet. Müde und in Schweiß gebadet, kam ich, die Mütze in der Hand tragend, zu Hause wieder an.
Ein Pferdeverkauf und Brunnenbad.
Am 31 Januar, auf dem Taruntiner Markt, verkaufte der untere Kuhhirte August Seifert sein Pferd, weil er etwas Trinkgeld brauchte, für 12 Rubel. Jetzt, dachte August, Hurra, Geld ist da. Sofort wurde ein guter Mogritsch verlangt, dem bald ein zweiter und dritter folgte, und dann wurde nach Hause gefahren. In Kraßna ange-kommen, gerade wo der Weg auf der Ecke bei Valentin Ritz vorüberführt, ist doch wieder eine Weinschenke zu sehen. Das übrige Geld drückte August und es wurde eben Halt gemacht. In der Schenke sah er noch mehr Kameraden sitzen, und der Schankwirth war sehr beschäftigt, aufzutragen. „Guten Abend, Kameraden.“ - „Schönen Dank, August, warum so spät?“ - „Habe mein Pferd verkauft. Schenker, ein Quart Wein, Morgritisch muß sein.“ Dem ersten Quart folgte das zweite und dritte, und schließlich fing unser guter August an mit Ludwig Rükkert und Gottfried Zetnik zu streiten. Diese Männer hatten aber gerade keine Lust zum Raufen, und verabschiedeten sich. Zu Hause angekommen, sagte sich Gottfried: es ist 10 Uhr, muß zu meinem Kameraden Ludwig gehen, noch eins zu trinken. Ludwigs Frau schimpfte zwar, als die Beiden um halb 11 Uhr noch weggehen wollten, aber es half nichts. Sie gingen in die untere Schenke zum Antoni, aber weil es schon 11 Uhr geworden, und Polizeistunde war, fanden sie alles dunkel. Herr Zetnik klopfte an's Fenster und rief, bekam aber keine Antwort. Nun klopfte er stärker und zerschlug eine oder zwei Fensterscheiben oder noch mehr. Sogleich aber fielen auf dem Hofe zwei Schüsse.
Zu Tode erschrocken darüber nahmen die Beiden Reißaus. Zetnik lief der Straße nach. Rükkert fürchtete man könne ihn verfolgen und, da neben der Straße ein Brunnenkasten stand, wollte er sich in diesem verbergen. Er krappelte über den Brunnenkasten, bekam aber, wahrscheinlich weil er eins zu viel getrunken hatte, das Uebergewicht und plumpste Hals über Kopf in das etwa 70 Zoll tiefe Wasser. Wäre er ein kleinerer Mann gewesen, wäre gewiß kein Leut aus dem Brunnen hervorgedrungen, denn er wäre sicher in ein paar Minuten ertrunken. So aber stellte sich Ludwig auf die Zehenspitzen daß das Wasser ihm nicht in den Mund laufen konnte, und begann laut um Hülfe zu rufen.
Auf der Erde kann nichts werden
Ohne Gott, von ungefähr.
Was geschieht, sah und siehet,
Ordnet, schicket, lenket Er.
Ein unnütz Leben ist ein früher Tod.
Herr Zetnik folgte dem Hülferuf seines Kameraden und kam schließlich an den Brunnen. Gottfried reicht dem Ludwig einen Stock, damit ihn dieser erfasse und er ihn herausziehen könne, aber er vermochte es nicht, er hatte nicht die Macht dazu. Es war alles vergebens. Gottfried mußte mehr Hülfe holen, damit der Ludwig nicht in dem Brunnen erfriere.
Die Menschen vergessen leichter sich
Als ihren Vortheil.
Besser ist zweimal umkehren,
Als einmal fehlgehen.
150 Arschin vom Brunnen entfernt wohnt Rükkert's Schwager und sein Schwiegersohn, Christian und Peter Rühl. Zetnik klopfte ungestüm an's Fenster: „Um Gotteswillen, Peter, dein Schwiegervater liegt im Brunnen, helft ihn herausziehen.“ Jetzt lamentierte die Frau, „Um Gotteswillen, Peter, geh, unser Date liegt im Brunnen.“
Am Brunnen angekommen, sagte der Peter: „Um Gotteswillen, Date, wie seid ihr in den Brunnen gekommen?“ Die Antwort: „Kind, liebes Kind, hilf.“ Die Drei zogen nun mit vereinten Kräften an der Brunnenstange, aber sie konnten den Ludwig nicht herausziehen. Peter mußte fort eine Leiter herbeizuschaffen, und jetzt kommt Vetter Christian auch mit. An der Leiter konnte sich Ludwig noch bis an den Kasten helfen, dann war er steif und konnte keinen Schritt mehr machen. Vetter Christian mußte die Laterne wegwerfen, und auch mit anfassen, und so brachten sie den Ludwig endlich aus dem Brunnen. Nun kommandirte Vetter Christian unter Millionendonnerwetter: „Hinein in die Stube.“ Hier wurde der Ludwig entkleidet und in's Bett gebracht. Morgens zog er seines Schwiegersohns Kleider an und ging nach Hause. Er hatte eine etwas rauhe Stimme bekommen, war aber übrigens gesund und munter. - Herr August Seifert kam zu Hause mit vier Rubel in der Tasche und einem blutigen Kopfe - wie es sich mit ihm zugetragen, kann ich nicht berichten.-
Hört, ihr Jungen und ihr Alten:
Nicht aus Bier sollt ihr euch halten.
Esset Aepfel, Kirschen, Trauben,
Die dem Tod den Stachel rauben.
Eßt an Obst euch kugelrund,
Dann bleibt immer ihr gesund.
Nichts für ungut, Buben; ein andermal besser aufpassen.
Gruß an die Redaktion und an den Leserkreis, und die Korrespondenten bitte ich, weniger schriebfaul zu sein und mehr zu korrespondiren.
Anton Gedak.