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Film 11463, Vol. 6, No. 37, Page 3
Krasna, Bessarabien Februar 10. 1912
Schon lange habe ich auf das werth volle Blatte, den Staats-Anzeiger vergeblich gewartet, aber jetzt endlich kam er mir zu Händen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Blatt, und werd mich bemühen, dasselbe im meinem Freunds und Bekanntenkreis einzuführen und zweifle nicht, dass auch ihnen der Staats-Anzeiger ein willkommender Gast sein wird.
Heute bekam ich auch einen Brief von meinem Schwager Joseph in Canada, welcher sich beklagt, dass er keine Briefe von mir erhält, aber ich habe ihm doch immer regelmässig geschrieben. Ihm zur Nachricht, dass wir alle gesund sind, und ich möchte auch wissen wie die Mutter und die kleinen Buben Reinhold und Adolph sich befinden, sowie auch ob in Canada der Frühling naht oder nicht.
Ich muss gestehen, der Staatsanzeiger erzählt mir gar viele Neuigkeiten von Amerika und Canada wo meine Eltern und viele meiner Freunde ein neues Heim sich gründeten, und diese sind natürlich unschätzbar und machen grosse Freude.
Bei uns ist die Witterung schön und das Quecksilber steigt täglich höher. Man sieht Feld und Flur an, dass der Winter nur noch schwache Herrschaft führt, und der Frühling nahe. Vom Süden her weht milder Wind, die Lerchen steigen trillernd in die Luft und stimmen ihr frohes Frühlinslied an, und auch der alte Staar zeigt sich schon, kurz: Alles verkündet den nahenden Lenz.
In der Hoffnung, dass mein Briefchen nicht in den Papierkorb wandert, grüsse ich alle meine Freunde, und alle Leser des lieben Blattes.
Melchior Weber