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Film 11463, Vol. 6, No. 38, Page 3
Emmenthal, Bessarabien Januar 29. 1912
Meinen lieben Kollegen Anton Jochim in Harvey, Nord-Dakota zur Beruhigung, daß die Gefahr eines Aufstandes gegen die Deutschen in Rußland nicht besteht. Derartige Berichte beruhen auf einfachen Erfindungen. Die Verhältnisse sind bis jetzt so wie zuvor, und die Aussichten sind auch noch dieselben. Es ist doch gut, daß die von Gott uns gestellte Zukunft bis zu ihrer Reise unbekannt bleibt, sonst wäre es gar schlimm für manche Leute. Infolgendessen also, sehen wir vergnügt und wohlgemuth der Zukunft entgegen. Ich und Sie, lieber Herr Kollege, können in solchen Sachen gar nichts thun, weil uns das Recht dazu nicht eingeräumt wird. Ich urtheile nie über Dinge, die zu reguliren mir nicht zusteht, sondern ich überlasse das Männern, denen es übertragen ist, in der Hoffnung, daß diese ihre Pflicht thun. Mir ist mehr darum zu thun zu erfahren wie es in den unteren Stufen verhält, welche Fortschritte oder Krebsgänge da gemacht werden. Habe mich sehr über den Bericht des Herrn Kollegen gefreut und vernehme mit Vergnügen, daß auch meine Berichte gerne gelesen werden.
Ich muß mich diesmal kurz fassen. Bis hierher mußte ich diese Korrespondenz auf einem Schemel zu Papier bringen, denn ein Tisch war nicht da, und ich wollte schon abbrechen, als ein Herr so freundlich war, mir die Hälfte seines Tisches einzuräumen, und so will ich noch einige Sätze hinzufügen. Also, Kollege Jochim wünscht auch zu wissen, wo unser Schulkollege Johannes Dirk sich aufhält und was er treibt. Nun, der alte Patriarch ist aus Bessarabien nach Tschernomorien übergesiedelt, wo er sein Glück suchte und auch fand. Erstens gelang es ihm, dort Besitzer von 100 Dessjatin Land zu werden und, zweitens verheirathete er sich nach dem Tode seiner Frau Anna Barbara mit einem jungen 20jährigen Mädchen - solches Glück hat nicht Jedermann. Nähere Nachrichten habe ich nicht von ihm. - Wahrscheinlich ist P. Dirk, wie er sich in sein Berichte unterschreibt, nicht weit von ihm entfernt. P. Dirk soll doch wahrscheinlich heißen Poncianus Dirk. Wenn so, bitte, daß er mehr von sich verlauten läßt und insbesondere ob seine alten Eltern noch am Leben und wo sie sind.
Muß auch noch berichten, daß Adam Müller jung aus Emmenthal von seinem Vater Franz Müller in Canada eine Schiffskarte und Eisenbahnfahrkarten erhalten hat. Er reiste nach Kraßna, sich den nöthigen Reisepaß zu besorgen. Außerdem wurde ihm auch noch Geld gesandt, weiß aber nicht wo dasselbe zu empfangen ist. Wäre der junge Mann mit seinen Briefen und Fahrkarten zu mir gekommen, so hätte ich ihm wahrscheinlich Aufklärung geben können darüber. Nun aber weiß ich nicht, hat er Jemanden zur Hand der ihm dazu verhilft oder nicht. Das wird sich herausstellen, sobald er aus Kraßna zurückkehrt.
Kann auch nicht unterlassen, meinen Schwager Georg Mastio in Kansas Grüße durch den Staats-Anzeiger zu übermitteln. Ich bitte ihn, mir seine volle Adresse zu schreiben, sonst kann ich ihm unsere Photographie nicht übersenden. (Da können wir aushelfen. Adressiren Sie einfach: George Mastio, Wathena, R. R. 3, Kansas, U. S. A. Diese Adresse ist richtig. -Red. Staats-Anzeiger.) Gruß auch an meinen Kollegen Anton Jochim und an alle meine anderen Freunde, in welchem Staate sie auch wohnen mögen, und ich bitte auch alle, doch auch für den Staats-Anzeiger korrespondiren zu wollen. Besonderen Gruß noch an meinen Freund Johannes Moser in Canada. Sollten Sie wieder einmal einen Abschnitt in meinem Korrespondenzen finden, zu welchem Ihre Frau ein schiefes Gesicht macht, so müssen Sie eben die Sache etwas vermummeln und vermummeln, gerade wie jener Herr Pfarrer den Namen eines Schullehrers im Aufgebot vermummelte und versammelte, welcher den Namen Johannes Kuhschwanz trug. So etwas hilft und ist probat. - Glücklich ist, wer vergißt, was einmal nicht zu ändern ist.
Gruß auch noch allerseits.
Romuald Dirk.