Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 4. Juni 1912

Film 11463, Vol. 6, No. 49, Page 2

Krasna, Bessarabien April 2. 1912

Nun ist es an der Zeit, wieder einmal zu schreiben, denn schon fünf Wochen sind seit Einsendung meiner vorigen Korrespondenz verstrichen.

Die Witterung hat sich bei uns rasch geändert. Die Kälte war diesen Winter leicht zu ertragen, obschon Herr R. D. in Nr. 32 des Staats-Anzeiger berichtete, dass man hier im südlichen Bessarabien in zwei Wintern nicht so viel Brennmaterial verbrauchte als vergangenen, und dass über einen Monat die Fensterscheiben mit dickem Eis überzogen waren. Herrn R. D. hat es vielleicht an Brennmaterial gemangelt, dass er so grosse Kälte empfunden hat. Ich füge deshalb einen kurzen Wetterbericht bei: vom 20. bis 25. Dezember hatten wir noch vier bis zehn Grad Wärme; am 26. hatten wir Schneegestöber und bis acht Grad Kälte. Am 28. hatten wir wieder zwei Grad Wärme. Im Januar war die grösste Kälte am 7. und 10. denn an diesen Tagen hatten wir morgens 16 Grad unter Null, aber um mittag nur noch 8. vom 11. bis 24. hatten wir von einem bis zehn Grad unter null. Am 25. setzte Thauwetter ein und wir hatten drei bis acht Grad Wärme bis Ende Januar. Am 8. Februar sangen schon die Staare auf den Bäumen und die Wildenten schwirrten auf dem Wasser, weil das Eis bereits weg war. Den ganzen Februar hindurch hatten wir Nebel und Regen, sodas wir bis zum 4. März zu Hause sitzen mussten. Am 6. März fing das Ackern an und währte bis zum 22.

Die Wintersaaten stehen schon und machen den Bauern grosse Freude. Mit Gottes Segen bekommen wir dieses Jahr eine gute Ernte, und auch jetzt ist die Witterung einer solchen günstig.

Was kommt im Jahr, kannst nicht druchschaun,
Musst warten und auf Gott vertraun.
Man muss weder ein Schiff an einem Wasser,
Noch das Leben an eine einzige Hoffnung befestigen.
Selig, wer im Weltgebrause
Nach dem rechten Vaterhause,
Nach der obern Gottesstadt,
Stets ein Fenster offen hat.

Am 14. Februar fuhr Johann Ellke von der Neu-Elft nach Maraslienfeld, und am 15., auf dem Rückwege, vernichtete (???..Wort nicht lesbar) er sich zwei Russen auf die Bahnstation zu fahren. Bei Alt-Sarata angekommen, kaufte er für den erhaltenen Fuhrlohn zwei Schweine. Abends um acht Uhr bei Teplitz angekommen, fuhr er an die Weinschenke, um seine Pferde etwas ausruhen zu lassen. Seine Reisegefährten kauften ihm ein Glas Wein und assen mit ihm das Abendbrot. Um neun Uhr abends fuhren sie weg aus Teplitz, von wo sie noch acht Werst bis nach Hause hatten. Am 20. aber fand man Ellk's Leiche auf dem Teplitzer Felde im Weinberge erdrosselt vor. Von dem Wagen, drei Pferden und zwei Schweinen aber fand man keine Spur. Der Polizei wurde sogleich Anzeige erstattet und es wurde nach allen Richtungen hin telegraphirt und telephonirt. Am 9. März gelang es der Polizei, die Mörder in der Stadt Bolgrad festzunehmen. Sie wurden durch unser Dorf Krasna geführt. Es sind zwei junge Russen, im Alter von 22 bis 25 Jahren. Ich hoffe dass dies der letzte Mord ist, den sie begehen können, und dass nun die Reihe an sie kommt. Pferde und Wagen wurden Frau Ellke zurückerstattet, aber die zwei Schweine hatten sie schon verkauft und das Geld versoffen. Die Familie des so schändlich Ermordeten besteht aus Frau und sechs Kindern.

Am 28. März musste unsere obere halbe Gemeinde Damm-Frohn leisten. Simon Engel gerieth, als er über den Damm fahren wollte, mit seiner Fuhre zu weit seitwärts, der Wagen stürzte in das zwei Faden tiefe Wasser und zog beide Pferde mit sich. In weniger als zwei Minuten war weder vom Wagen noch von den Pferden eine Spur zu sehen und ehe Hilfe erschien, waren die Pferde ersoffen.

Gruss an die Redaktion und an Mitleser des Staats-Anzeiger.

Anton Gedak


Film 11463, Vol. 6, No. 49, Page 2

Emmenthal, Bessarabien April 2. 1912

Seit meiner vorigen Korrespondenz ist schon eine geraume Zeit verstrichen, und selbst diese ist wohl in den Papierkorb gewandert, oder sie war in Nummer 27 des Blattes, welche ich nicht erhalten habe. (In der That enthielt Nummer 27 Ihre Korrespondenz. Red.) Ich will bemerken, dass mein Name auf der Adresse des Blattes nicht richtig ist. Mein Name ist nicht Joseph Kopp - so heist mein Bruder in Canada - sondern Zacheus Kopp von Martin. (War ein Versehen und ist längst verbessert. Red.)

In Nummer 24 des Blattes verlangte ich die Adresse von Peter Krenzel zu erfahren. Ich habe viele Freunde in Amerika und dachte einer wird doch sicher mir die Adresse angeben, aber alles blieb still bis ich endlich in Nummer 31 von einem mir gänzlich fremden Herrn den Ausschluss erhielt, nämlich vom Herrn Franz F. Högele. Herzlichen Dank ihm und freundlichen Gruss. In derselben Nummer fand ich auch einen Bericht meines Bruders Joseph, der mich sehr interessirte. Nur schade, dass seine Räthsel nicht aufgenommen wurden.

Auch das von meinem Freunde Simon Hauck eingesandte Gedicht von den vier Burschen, welche den Berg hinanstiegen, habe ich gerne gelesen. Nun, lieber Freund lerne auch diesen Spruch:

Oft, wenn ich schau
Zum Himmelsbau,
Und seh die Sterne nah
Die über mir,
In lichter Zier,
Wie gold'ne Lämmer gehen,
Dann mahnt es mich
Still innerlich:
Sieh, all die Sterne sind
„So gross wie kein,
Dem Vater Dein,
Und Du-Du bist sein Kind.“
Sein Kind? O Ja,
So denk ich da-
Und Gott, der Vater mein'
Und freue mich
Und sehne mich,
Und möchte bei ihm sein.

Auf die hl. Osterfeiertage besuchte ich alle meine alten Freunde in der alten Heimath Krassna. Ich wurde auch freundlichst aufgenommen, aber die Feiertage waren nicht besonders fröhlich, denn erstens war es so kalt, dass man Winterkleider tragen musste und zweitens, mangelte es auch an Getränk, weil der Wein schon einige Jahre nicht gerathen ist und die Reben austrockneten. Drittens auch war Schnaps schwer zu beschaffen, denn die Wege waren schlecht. Von Krasna nach Hause zurückgekommen, hat man mir erzahlt, dass in Emmenthal lustig gefeiert worden sei, denn dort haben sie Schnaps aus Kainari bekommen. Auch haben die Wachtbuben am Ostermorgens geschossen, wie es bei uns alter Brauch. Nach dem Gottesdienst gingen sie im Dorfe herum bei den reichen Leuten und schossen die Ostern an. Dabei erhielten sie Geldgeschenke von 1 bis 2 Rubel. Bei einem reichen Manne aber haben die Buben auf Borg schiessen müssen, denn er hatte nichts Kleiners als einen Hundertrubelschein und den konnte er nicht gewechselt bekommen. So etws habe ich in meinen 26 Jahren auch noch nicht erlebt.

Gruss an den Leserkreis allerseits von

Zacheus Kopp, von Martin