Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 10. Oktober 1912

Film 11463, Vol. 7, No. 11, Page 2

Krasna, Bessarabien, Rußland
August 22. 1912

Es mag wohl sein, daß meine fortgesetzten Abhandlungen über Kindererziehung vielleicht schon dieser oder jener Mutter langweilig werden und ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich mit ziemlich umfassenden Auseinandersetzungen diese Sache in die Länge ziehe, aber sie sind wirklich noch wichtig. Ich werde mich bestreben, die Sache etwas kürzer zu machen, um bald zu dem Zeitpunkte zu gelangen wo die Mutter als Erzieherin der Kinder diese und ihre mühevolle Arbeit dem Herrn Schulmeister übergiebt. Ich muß ferner betonen, daß es gänzlich verkehrt ist wenn die Eltern meinen, ein Kind müsse beständig thätig, auf irgend eine Art beschäftigt und aufmerksam sein. Wenn schon bei gesunden erwachsenen Menschen der Körper sein Recht haben und selbst der Geist von Zeit zu Zeit ruhen oder wachend träumen, wiederholen und verdauen will, wie viel mehr muß die Nothwendigkeit bei dem Kinde vorherrschen? Dennoch giebt es Eltern, welche ihre Kinder unnatürlicherweise viel zu viel und viel zu früh beschäftigen. Ja, es giebt Eltern, welche die Kinder schon in der Wiege mit Bildern umgeben, die Wände der Kinderstuben mit dergleichen förmlich bedecken und schon im dritten oder vierten Jahre von den Kindern fordern, daß es auf jedem Spaziergange, bei jedem Ausfluge etwas lerne; daß es jeden Baum und jede Getreidesorte und deren Nutzen kenne und davon zu sprechen verstehe. (Etwas ganz anderes, und das direkte Gegentheil bewirkend, ist was Pestalozzi von den Appenzellern rühmt, nämlich, daß diese ihren Kindern einen vergoldeten Engel gerade über die Wiege hängen, denn das unterhält das Kind und fesselt sein Auge nur auf einen Glanzpunkt, welcher der Lage wegen anziehend ist). Die Folgen solcher geistiger Ueberanstrengungen, oder grund- und bodenlose Altklugheit. Daher kommen so angeleitete Kinder fast immer körperlich zarter und geistig unnatürlich aufgeweckt, oder abgespannt und zerstreut in die Schule und lernen viel weniger und sind für gewöhnlich auch viel unartiger als andere Kinder, denn sie wollen schon über alles schwatzen und nichts gründlich lernen. Während meiner Dienstzeit als Lehrer mußte ich häufig solche Erfahrungen machen. Oefters begab es sich, daß ich als Lehrer bei jüngeren Eheleuten im Dorfe Besuche machte, deren ältester Knabe oder auch Mädchen im fünften Jahre standen, welche natürlich mir als Lehrer vorgeführt wurden. Oft wurden solche Kinder in meiner Gegenwart in's Examen genommen, damit ich doch vernehmen sollte, welche Weisheit das fünfjährige Kind bereits besäße. Nun natürlich sollte ich auch das beurtheilen und den Eltern einen Begriff geben, was Großes diese Kinder wohl leisten würden, wenn sie erst die Reife für die Schule erhielten. Aber, du lieber Gott, solche Kinder kamen in ihrem siebenten Jahre zu mir in die Schule, geistig unnatürlich entwickelt, allen natürlichen Lehrgegenständen fremd und fast unzugänglich und sie saßen oft wochenlang in der Schule ohne auch nur das geringste zu lernen. Dann erst kamen solche Eltern zur Ueberzeugung, daß sie durch einseitige Geistige Entwickelung ihres Kindes einen schlimmen Fehler machten, zum persönlichen Schaden des Kindes. So, ihr lieben Eltern, kommt es dann, daß das Kind während einer sechsjährigen Schulzeit bei weitem nicht das erreicht was man von ihm erwarten könnte, und, - natürlich - wird dann die ganze Schuld auf den Lehrer gewälzt.

Anderseits ist es aber auch schlimm, ein Kind zu vernachlässigen, sodaß sich dasselbe langweilt. Auch darüber sei mir ein Wort gegönnt. Es ist ebenso sehr nachtheilig tut des Kindes Fortschritt, wenn dasselbe gänzlich vernachlässigt und der Langweile überlassen wird, denn, ebenso wie ein Kind durch übermäßige geistige Anspannung verschrecken und nervenschwach wird, ebenso kann es durch Vernachlässigung verweichlichen, daß es, trotz guten Anlage einem selbständigen Charakter, nie zu . [Hier gibt es neun unlesbare Zeilen. -rcb.] . langeweile schließlich zu allerhand unfug getrieben; sie werden bald hierhin, bald dorthin sehen. Dieses und Jenes anfassen, dass sie unberührt lassen sollten und dadurch förmlich zum Ungehorsam verleitet werden. Ebenso ist es auch in einer Schule, wenn der Lehrer die nöthige Erholung während des Unterrichts den Schülern nicht gestattet. In einigen Schulen, denen als Lehrer vorzustehen ich die Ehre hatte, mußte ich zu meinem Bedauern bemerken, daß die Schüler in Abwesenheit des Lehrers Unfug trieben, keine nutzbringende Beschäftigung hatten noch suchten, und mich derart fürchteten, daß sie bei meinem Betreten der Schulstube wild und verstört nach ihren Plätzen stürzten. Das liebe Eltern, ist aber nicht wie es sein sollte. Die Kinder sollen wohl Respekt und Achtung vor dem Lehrer, nicht aber Furcht vor ihm, haben - nicht knechtische Furcht. In Schulen, wo diesem Uebel nicht seitens des Lehrers gesteuert wird, kann ich nur diesem die Schuld beimessen und bei Kindern im Alter vom dritten bis zum siebenten Jahre der Mutter als Erzieherin der Kinder. Will eine Mutter folgsame Kinder heranziehen, muß sie auch bestimmt wissen, was sie ihnen zu verbieten hat. Aber alles kann man ihnen auch nicht verbieten, deshalb ist es Pflicht der Eltern, heilige Pflicht, so viel als möglich dem Kinde ferne zu halten was verbotenen Reiz und geringen Ungehorsam erwecken könnte. Dieses zielbewußte Fernhalten zähle ich zu den Hauptpunkten einer richtigen Erziehungsmethode. Durch fortwährendes Verbieten entsteht nämlich Mißstimmung zwischen Mutter und Kind und diese wirkt oft nachtheiliger als offenbarer, direkter Ungehorsam. Daher auch ist nichts schädlicher, als wenn die Mutter dem Kinder alle Augenblicke zurufen muß: „Laß das stehen!“ „Laß das liegen!“ „Fasse das nicht an!“ „Stehe nicht auf der Fußbank!“ „Klettere nicht auf den Stuhl,“ und so weiter, wenn sie doch dem Kinde nichts anderes bieten kann, die Langeweile zu vertreiben. Langeweile erzeugt Unbeständigkeit, Altklugheit, Schrei, Schimpf, Tob- und Streitsucht. Rohheit und Unbändigkeit. Dieselbe Vorsicht und Umsicht muß auch der richtige Lehrer in seiner Schule mit seinen Zöglingen üben dann erst verdient er mit Recht und Fug den Titel S ch u l m e i s t e r ! - Ich will aber nun die Schule beiseite lassen, und meine Abhandlung folgerichtig weiter führen.

Manche Kinder werden aus Langeweile allerhand Dinge beginnen, von jedem aber gleich wieder ablassen und so sich frühe schon eine gewisse Unbeständigkeit angewöhnen. Wieder andere, welche sich selbst nicht zu beschäftigen verstehen, werden aus Langeweile immer nur bei Erwachsenen stehen, mit diesen sprechen, auch thun wollen was diese thun, und so bald altklug werden. Die kräftigsten Kinder werden aus Langeweile schreien, schimpfen, toben, um sich schlagen, mit Altersgenossen Streit und Handel beginnen, und alle Augenblicke versuchen, den Eltern oder den Aufsehern aus den Augen zu kommen, verrohen und unbändig werden, und so weiter. Doch, wer vermag alle die übeln Folgen der Langeweile aufzuzählen, und wer kennt sie nicht? Wie wenige Menschen aber bringen sich dieselben zu so klarem Bewußtsein, daß es ihnen zur zweiten Natur wird, bei jeder Gelegenheit gegen Langeweile anzukämpfen und ihren Ursprung aufzuheben? Es ist daher nicht sowohl das, was die Kinder in diesem Alter lernen, als vielmehr die Aussicht, die Bewahrung vor Langeweile, welche es wünschenswerth macht, das Kinder schon im vierten und fünften Jahre täglich ein paarmal eine halbe oder ein viertel Stunde lang sich mit etwas Bestimmten beschäftigen. Je früher ein Kind sich an festgesetzte, geregelte Beschäftigung gewöhnt, oder vielmehr je eher ein Kind sich an die Zeit binden lernt, um so früher auch wird es lernen, die Zeit auszunutzen - und damit ist unendlich viel gewonnen.

N a ch s c h r i f t . - Seit dem 17. August haben wir hier und, so weit man hört, über den ganzen Akkermaner Kreis, mit nur kurzen Unterbrechungen tagtäglich Regen gehabt. Das Welschkorn wird deshalb statt zu reifen, alle Tage grüner und man hegt nur schwache Hoffnung, daß dasselbe vor Eintritt des Frostes zur Reife gelangen wird. Die Ernte war hier und in der ganzen Umgegend sehr schwach. Da aber in ganz Bessarabien so bekanntermassen die halbe Ernte sich auf Welschkorn bezieht, gebe doch Gott seinen Segen, damit es reifen (ausreifen?) möge! Geschieht dies, dann sind die Wunden, welche die schwache Ernte an [unlesbares Wort] verursachte, wenigstens in einige geheilt.

Herzlichen Gruß an meine Kinder in Morton County, Nord-Dakota, an Ignatz Groß, Eduard Richter mit Frau und Kinder, sowie auch an meinen alten Kollegen Anton Jochim und den ganzen Leserkreis des lieben Staats-Anzeiger.

Romuald Dirk.