Deutsch
Film 11463, Vol. 7, No. 10, Page 6
Emmenthal, Bessarabien, Rußland
August 26. 1912
Ein Trauriges Leben betrübt die Zeit, wenn's Buttermilch regent und Sauerkraut schneit. So ist es bei uns, liebe liebe Leser, und ich will kurz die Witterung beschreiben, wie wir sie dieses Jahr soweit hatten. Im Winter also hatten wir reichlich Schnee und auch viel Regen, so dass jeder Bauer sich Hoffnung auf eine gute Ernte machte, aber leider war es eine verfehlte Spekulation. Im April Monat hatten wir wenig Regen, dafür aber leider einige Nachtfröste. In Mai Monat wieder hatten wir Regen genug und wirklich schönes Wachswetter, sodas die Frucht schon grünte, aufwuchs und auch prächtige Aehren zeitigte, und die Leute sich gänzlich von dem Schrecken des schlimmen April erholten. Zum Einheimsen der Ernte hatten sich die Bauern fast alle neue Maschinen und Geräthe beschafft und sie dachten mit der prächtigen Ernte nicht allein die neuen, sondern, auch die alten Schulden abzuzahlen. In ihrem Freudentaumel dachten sie ja gar nicht daran, dass die grossen Aehren halb leer sein konnten. Als das Dreschen los ging, hörte man aber allerwärts Wehklagen. Einer sagte: ich habe eine Fuhre Weizen gedroschen und erhielt nur acht Mass; ein anderer sagte; ich habe meine beste Dessjatin Winterweizen gedroschen und erhielt 30 Mass, während ich sicher auf 75 Mass rechnete. Und so ging das Gejammer weiter. Dazu aber kam noch der Umstand, dass schlechtes Wetter einsetzte. Man konnte nicht beständig an der Arbeit bleiben und ehe kaum die Hälfte gedrosschen worden war fing Regenwetter an, welches nun schon 14 Tage uns heimsuchte, so dass selbst das wenige Getreide noch verfaulen muss. Aber, was ist zu machen: Gott will es so und sein Wille ist massgebend.
In Nummer 1 des lieben Blattes las ich auch eine Korrespondenz von meinem Bruder Joseph M. Kopp. Wie freute ich mich, doch auch von ihm etwas im Blatte zu lesen. Er möge nur öfters schreiben und ich werde nicht zurückbleiben. Die Zeit in welcher ich keine Zeitung mehr bekam, habe ich das liebe Blatt aber doch gelesen, und zwar bei meinem Schwager Joseph Reis.
Auch heute regnete den ganzen geschlagenen Tag. Morgen ist Markt in Kainari und wenn es nicht regent, fahre ich hin und übersende auch Vetter Peter Krenzel ein Portrait. Herzlichen Gruss an ihn, falls er auch Leser des Blattes ist.
Wenn mir einer der Leser die Adresse Nikolaus Ternes im Blatte bekannt machen könnte, wäre ich ihm dafür sehr dankbar.
Herzliche Grüsse an meine hochbetagte gute Mutter und an den Bruder in Canada. Bald werde ich auch an sie schreiben.
Allerseits den Leserkreis grüssend.
Zachäus Kopp, von Martin