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Film 11463, Vol. 7, No. 07, Page 2
Krasna, Bessarabien, Juli 30. 1912
Die Witterung in dieser Gegend war während der Dreschzeit für den Bauer günstig, nicht aber für die Hackfrüchte, denn von diesen haben wir, wenn es nicht bald Regen gibt, keine Ernte zu hoffen.
Am 27., 28. und 29. Juli haben die meisten Bauern in Kraßna das Dreschen beendet, aber leider nur wenige Kerner aufspeichern können.
Am 24. Juli ging in unserer Nachbarskolonie Tarutino ein solch heftiger Regen nieder, daß das Wasser Kürbisse, junge Schweine, Bretter, Balken und all nur erdenklichen Sachen hier anschwemmte.
Verheirathet haben sich kürzlich 68jährige Wittwer Anton Wingenbach mit der 65jährigen Witwe Eva Fleckenstein. Die Leutchen werden mit diesem Schritte in ihrem hohen Alter wohl keinen Fehler begangen haben, denn alte Leute sind gewöhnlich von den jungen verlassen und nun kann doch eine dem anderen, so weit ihre Kraft reicht, abwarten, namentlich da es bei Wingenbach an Mitteln nicht mangelt.
Zur allgemeinen Aufheiterung, und damit schwerere Lektüre mit leichterer abwechsele, will ich diesmal dem Leserkreis eine kleine drollige Geschichte erzählen. Vielleicht, daß sie daran Geschmack finden. Wie es ja oft und aber oft vorkommt, daß Mädchen ganz unüberlegt und rasch in den Ehestand eintreten und dann nach kurzer Zeit erfahren müssen, daß sie statt eines anständigen nüchternen Mannes einen Trunkenbold ehelichten, so kam es auch in dieser Geschichte. Ich könnte ja genau die Namen nennen und den Ort, wo sich die Geschichte abspielte, aber es wird ja auch genügen wenn ich auf's Geradewohl Namen angebe. Also: Theresia, ein feines, bildsauberes und anständiges Mädchen verheirathete sich mit einem gewissen Gottlieb in welchem sie in ihrer Unbesonnenheit glaubte, den besten Mann der Welt zu besitzen. Kaum war die Hochzeit einige Wochen verstrichen, da fing der liebe Gottlieb an täglich die Schenke zu besuchen, und fand bald an diesen Besuchen so großen Gefallen, daß er nach einigen Jahren dieselbe vor Mitternacht nicht mehr verließ. Vielleicht wäre Gottlieb auch noch länger in der Schenke geblieben, wenn sein Magen es ihm erlaubt hätte. Da aber dieser mit Schnaps und Wein allein nicht zufrieden war, sondern auch etwa anderes verlangte, so mußte eben Gottlieb doch nach Hause gehen. Wenn nun aber der gute Gottlieb in die Nähe seiner Wohnung kam, hörte ihn die Frau schon von weitem Knurren und wußte, daß bald eine schwere Stunde für sie kam. Bald auch betrat Gottlieb seine Wohnung und verlangte dann immer unter schrecklichem Donnern und Wettern nach seiner Frau mit etwa folgenden Worten: Wo bist du? Essen her. Kaum aber brachte die arme Frau ihm das Verlangte, so begann er weiter zu schimpfen und die Aermste mit mächtigen Fäusten zu mißhandeln. So lebte Theresia lange fort, ohne Jemandem etwas von ihrem traurigen Schicksal zu sagen. Sie ertrug die Mißhandlungen ihres Mannes mit Geduld. Einmal aber wurde Theresia so grausam mißhandelt, daß sie länger es nicht ertragen konnte, und so entschloß sie sich am kommenden Tage ihren Kummer, ihre Noth, einer ihr gut bekannten Frau und Freundin anzuvertrauen.
Als nun aber Theresia diese Frau besuchte, fand sie dort noch vier andere Frauen anwesend. Sie war entäuscht und nahm sich vor, nichts von ihrem traurigen Loos zu offenbaren, aber, wie es eben geht, wenn Frauen zusammenkommen und über allerlei gesprochen wird so auch hier, und als gar über ähnliche Fälle wie Theresias berichtet wurde, machte diese ihrem übervollen Herzen Luft. Mit Staunen hörten die Frauen die Leidensgeschichte der armen Theresia und boten ihre Hülfe an. Die Frauen erkundigten sich, wann die Mißhandlungen stattfinden und als Theresia ihnen sagte, daß sie allabendlich denselben Auftritt mit ihrem Manne habe, beschlossen die fünf Frauen, sich am Abend bei Theresia einzufinden. Sie machten ab, daß sich die Frauen in den Ecken des Zimmers verstecken sollen bis zur Ankunft Gottliebs, und im Augenblick wo dieser seine Frau mißhandelt, soll sie auf die Knie fallen und rufen: „Ihr heiligen fünf Jungfrauen, kommt mir zur Hülfe!“
Wie abgemacht, wandelten abends ganz verstohlen die fünf Frauen nach Theresias Wohnung und als die Zeit für Gottlieb's Kommen nahte, hüllten sich die fünf Frauen in weiße Leintücher und versteckten sich an fünf verschiedenen Plätzen im Zimmer. Wie gewöhnlich, kam unser Gottlieb knurrend und brummend in's Zimmer und begann bald unter gotteslästerlichem Fluchen auf seine Frau mit Fäusten einzuhauen. Theresia nun, an ihre Hilfe denkend, fiel auf die Knie nieder und rief: „Ihr lieben, heiligen fünf Jungfrauen, kommt mir doch zur Hülfe in meinem Elend und Noth!“
Kaum waren die Worte gesprochen, da flogen die „heiligen fünf Jungfrauen“ in weiße Tücher gehüllt, mit ihren Prügeln auf Gottlieb zu und hieben so lange unbarmherzig auf ihn ein, bis er zu Boden fiel und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Im nächsten Augenblicke waren die fünf heiligen Jungfrauen wieder verschwunden und ließen die gerettete Theresia mit ihrem Gottlieb allein.
Theresia war im Augenblick zwar gerettet, wie aber, so fragte sie sich, wird die Sache werden, wenn ihr Mann wieder zu sich kommt? Wird er sie dann nicht noch schwerer mißhandeln, als je zuvor? Thränenden Auges wankte die Aermste im Zimmer umher, unschlüssig, was sie thun sollte, und nachsinnend, wie sie sich wohl entschuldigen sollte, weil sie die heiligen fünf Jungfrauen zu ihrem Schutze angerufen hatte.
So verging wohl eine halbe Stunde, welche der armen Frau wie eine Ewigkeit dünkte, als endlich ihr Mann den Kopf erhob und ganz wild um sich blickte. Als seine Augen auf Theresia fielen, schaute er sie stark und schweigend an. Theresia aber, sich vor dem wilden, verstörten Blicke ihres Mannes fürchtend, sank auf die Knie nieder und bat ihren Mann ihr doch verzeihen zu wollen, daß sie die heiligen fünf Jungfrauen angerufen habe. Gottlieb aber, anstatt wieder rasend zu werden, begann bitterlich zu weinen, fiel seiner Theresia um den Halz und sagte, „Liebe Frau Theresia, ich danke dir vieltausendmal, daß du nur die fünf heiligen Jungfrauen angerufen hast, denn hättest du die heilige Monika mit ihren elftausend Jungfrauen um Hilfe angerufen, so wäre ich jetzt sicherlich nicht mehr unter den Lebenden.“ Sofort versprach Gottlieb auch seiner Theresia, die Schenke nicht mehr betreten und sie künftig sicherlich nicht mehr mißhandeln zu wollen. (Anmerkung der Redaktion: Sollten in unserem Leserkreise, was wir aber nicht hoffen, sich Frauen befinden, denen es geht wie Theresia so möchten wir nur bemerken, sich Theresias Rezept nicht etwa zum Muster zu nehmen im Glauben, daß es auf alle Falle hilft, denn nicht alle Männer heißen Gottlieb und nicht alle dürften der Frau danken, daß sie nicht die heilige Monika mit ihren elftausend hl. Jungfrauen anrief, denn mancher Mann könnte sich vor den heiligen Jungfrauen so sehr nicht fürchten, und in diesem Falle könnte es sich vielleicht ereignen, daß die Sache umgedreht ausfällt, und dann könnte der geehrte Herr Geschichtsschreiber dadurch Undank ernten.) Seitdem nun leben Gottlieb und Theresia glücklich und zufrieden miteinander und ich hoffe, er wird sein Versprechen halten und auf alle Zeiten hin ein nüchterner Mensch bleiben.
Zum Schluß grüße ich alle Freunde hüben und drüben, den gesamten Leserkreis und die Redaktion des Blattes.
Achtungsvoll,
Romuald Dirk