Film 3639, Vol. 7, No. 47, Page 2
Taraklia, Bessarabien April 17. 1913
Hiermit also übergebe ich den Spalten des lieben Blattes, allen Mitarbeitern, der Redaktion und allen Lesern und meinen Freunden in der alten und neuen Welt und besonders meinen Kindern in Morton County, Nord-Dakota, mein Porträt nebst Lebensbeschreibung, damit ein Jeder der sich dafür interessirt bei Betrachtung meines Bildes sich eine Vorstellung machen kann aus welcher Person die schon oft und vielmal im Blatte erschienen Abhandlungen unter dem Namen Romuald Dirk herrühren. Im südlichen Bessarabien, östlich am Flüßchen Gugelnik, wurde die Kolonie Kraßna und zwar im Jahre 1811 mit 114 Wirthschaften angesiedelt. Jede Wirthschaft besteht 60 Dessjatin Land und die Ansiedler waren Katholiken aus dem Königreiche Polen. Aus dieser Kolonie sind im Laufe der Zeit mindestens 150 Familien ausgewandert und zwar nach allen Theilen der runde Erde. Etwa 300 Familien sind noch dort, von welchen viele nach einer besseren Heimath schmachten. In dieser Kolonie Kraßna erblickte ich im Jahre 1858 und zwar am 26. Februar das Licht der Welt. Mein Vater Martin Dirk und meine Mutter Anna, geb. Allwinger, stammen gleichfalls aus Kraßna. Bis zu meinem siebenten Lebensjahre wurde ich von den Eltern im elterlichen Hause erzogen und dann in die Dorfschule gesandt, wo ich meinen ersten Unterricht von den Lehrern Deck, Seiffert und Laturnus bis zum 11. Lebensjahre erhielt. In diesem Jahre ertheilte mir als aufgewecktem Schüler, Pater Adam Romowitsch die erste hl. Kommunion und entließ mich aus der Dorfschule.
Mein Vater erlernte in der Jugend in der Kolonie Josephsthal im Chersonischen Gouvernement das Tischlerhandwerk und betrieb dasselbe nach Gründung eigenen Herds in der Kolonie Kraßna ganz ärmlich fünf Jahre lang. Im Laufe dieser Zeit hatte er aber doch das Glück sich halbwegs auf die Beine zu helfen und fing schließlich an, mit allen möglichen Sachen Handel zu treiben, sodaß er bei meinem 11ten Lebensjahre als vermögender Mann in der Gemeinde Kraßna galt. Kurz gesagt, mein Vater fühlte sich zur Zeit stark genug mich in eine höhere Lehranstalt behufs weiterer Entwickelung abzugeben. Auf den Rath seines Bruders Jakob Dirk, welcher schon ein Jahr vorher seinen Sohn der Kutschurganer Centralschule übergeben hatte, gab mich der Vater gleichfalls dahin ab.
In dieser Anstalt hatte ich einen schweren Anfang und in der Ferienzeit des ersten Jahres, kamen beide Väter um uns auf die Ferien nach Hause zu nehmen. Mein Vater war unzufrieden mit den gemachten Fortschritten und entzog mich der Centralschule, wo ich mit der Zeit die russische wie auch die deutsche Sprache hätte völlig lernen können, und brachte mich in die Kreisschule nach Tiraspol, wo aber nur die russische Sprache studirt werden konnte. In der Hoffnung, nach Absolvirung derselben doch wieder Gelegenheit zu bekommen auch die deutsche Sprache zu erlernen, studirte ich da die russische Sprache bis in die dritte Klasse.
Das war im Jahre 1874 und da in diesem Jahre auch alle deutschen Ansiedler, welche das 21. Jahr zurückgeleget hatten, zur Wehrpflicht berufen wurden, und da es meinen Stiefbruder, der seither meinem Vater als Wirthschaftesführer diente, getroffen hatte, in aktiven Dienst zu treten, kam der Vater und entriß mich der Schule welche ich hätte nur noch einige Wochen besuchen brauchen. Die russische Sprache bemeisterte ich nun, aber in der deutschen Sprache war ich schwach. Bis zu meinem 19. Lebensjahre war ich dem Vater als Wirthschaftsarbeiter behülflich. Während der ganzen Zeit im elterlichen Hause aber konnte ich den Gedanken nicht los werden, gepaart mit dem Wunsche, mein Wissen mehr zu vervollkommen, und namentlich mich in der deutschen Sprache weiter auszubilden. Als nun die jungeren Brüder herangewachsen und im Stande waren, bei Führung der Wirthschaft zu helfen, vermiethete ich mich in der Kolonie Eigenheim bei Herrn Gebietschreiber W. Engel als Kanzleigehülfe und verblieb hier zwei Jahre. In diesem Dienste, obschon die amtlichen Arbeiten in russischer Sprache geführt wurden, hatte ich vollauf Gelegenheit mich weiter in der deutschen Sprache auszubilden. Ich studirte fleißig und gründlich und erlernte hier aus eigener Kraft und auf eigene Faust die deutsche Sprache so weit und in solchem Umfange wie die Leser dieses lieben Blattes schon oft Gelegenheit hatten zu beurtheilen. Wohl mag es sein, daß ich mich im Laufe der Jahre in der deutschen Sprache weiter vervollkommnete, aber der Grundstein wurde hier gelegt.
Im 21. Lebensjahre stand ich im Rekrutenlos und blieb laut Freirecht und russischem Gesetz auf freiem Fuße. Nachdem verließ ich Eigenheim um in Chersonischen Gouvernement als Lehrer und Schreiber zu dienen bis ich mein vierundzwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt hatte. Ich schloß dann den Bund der hl. Ehe mit Franziska, der Tochter des Ansiedlers Franz Marthaller in Speyer. Als mein Vater erfuhr, daß ich mich verheirathet habe, bat er mich, heimzukommen und versprach mir, den mir zukommenden Theil meines Vermögens zu geben, damit ich nicht mehr in fremden Diensten zu stehen brauche, sondern bei ihm mein eigenes Geschäft führen solle. Ich willigte in das Verlangen des Vaters und zog mit meiner jungen Frau zu ihm. Da aber der Vater sein Versprechen nicht voll und ganz hielt und ich mit meiner Frau nicht bei ihm als gewissermaßen Dienstboten stehen wollten, zog ich bald wieder zurück in's Chersonische Gouvernement, um dort in der Kolonie Felsenbach, am Flusse Basawlick, die Schreiber- und Küsterstelle zu führen. Hier blieb ich ein Jahr, und, obschon die Gemeinde Felsenbach mich dringend bat, die Stelle weiter zu bekleiden, konnte ich mich zum Bleiben nicht entschließen, weil Schreiber- und Küsterstelle verbunden waren. Ich hatte in meinem Leben nicht die Gelegenheit gehabt den Kirchengesang zu studiren und wußte nur zu gut, wie erbärmlich schlecht es mir erging und ich war nicht willens, ein weiteres Jahr zu opfern. Ich entsagte mich also der Stelle und ging zurück in mein Heimaths-Gouvernement Bessarabien und zwar in die Kolonie Tarutino, den fast weltberühmten Marktflecken, wo ich eine Weinhandlung verbunden mit Speisehaus einrichtete. Damit folgte ich mehr der Neigung meiner Frau als meiner eigenen und, da auf die Dauer das mir nicht zusagte, begab ich mich in meine Heimathskolonie Kraßna. Hier errichtete ich eine freie Schule, abgetheilt von der Dorfschule, und unterrichtete hier zwei Jahre lang Knaben und Mädchen in der russischen und der Deutschen Sprache. Ich machte dort so gute Fortschritte und hatte so glänzenden Erfolg, daß die Bewohner Kraßna's noch heute davon sprechen. Damit aber die Dorfschule mit Lehrern besser bestellt werden sollte, machte mir die Gemeinde den Antrag, die Privatschule aufzugeben und als zweiter Lehrer neben dem Küsterlehrer in der Dorfschule zu fungiren. Diesem Vorschlag der Gemeinde stimmte ich zu und arbeitete noch zwei Jahre in der Dorfschule meiner Geburtskolonie.
Obschon den Chersonern mein Kirchengesang wohl noch lange nach meinem Abschiede in den Ohren schmetterte wie die Töne einer verstimmten Orgel, schienen sie meiner doch nicht vergessen zu können, und sie baten mich wiederholentlich in Briefen, zurückzukommen und weiter eine solche Stelle anzunehmen. Da ich mir aber meiner Schwäche auf dem Gebiete des Kirchengesangs ganz bewußt war und mir der Nachtigallenschlag noch immer in den Ohren klang, gab ich einigen Chersoner Gemeinden zu Antwort, daß ich bereit sei zurückzukehren, wenn der Dienst nur die Lehrer- und Schreiberstelle umfaßt, daß, wenn aber der Küsterdienst auch damit verbunden sei, ich mich entsagen müsse. Meine diesbezüglichen brieflichen Auseinandersetzungen schienen aber nur wenig zu helfen, denn die dazu gewählten zwei Männer aus Neulandau, Neu-Mannheimer Kirchspiel, verfolgten mich förmlich mit weiteren Einladungen. Nicht recht wissend, wie ich mich weiter zu der Sache stellen soll, sandte ich einen Brief an den Ortspfarrer, ihn bittend, die Sache nach seinem Erachten und Gutdünken mit der Gemeinde Neu-Landau abzuschließen, mit der Bemerkung, ja den Kirchengesang nicht außer Acht zu lassen. Es dauerte kaum acht Tage, erhielt ich ein Telegramm, sofort zu kommen und daß die Lehrer-, Schreiber- und Küsterstelle mir untergestellt sei. Es sauste und brannte mir im Kopfe, wie es da wieder im Bethause klingeln werde, aber es half hier kein M . . lspitzen (Maulspitzen?), es mußte gepfiffen sein und ich mußte mich mit Frau und Kindern aufmachen, um zur Zeit an Ort und Stelle zu kommen. Angelangt, machte ich zu meiner Freude und zu meinem Glücke die Erfahrung, daß der Ortspfarrer eine Verordnung getroffen hatte, daß im Neu-Landauer Bethaus an Sonn- und Feiertagen kein Laiengottesdienst vom Lehrer abgehalten werden darf, sondern daß die Leute zur Pfarrkirche in die hl. Messe zu kommen haben, da die Pfarrkirche nur ein paar hundert Faden entlegen sei. Diese Verordnung natürlich freute mich, aber ich wußte auch, daß die Leutchen, wie ich sie früher bereits kennen gelernt hatte, sich nicht lange dieser Verordnung fügen sondern bei schlechter Witterung zum Beispiel sicher verlangen würden, daß der Lehrer Laiengottesdienst abhalte. Immerhin aber hatte ich freie Zeit bis zu diesem Falle mich im Kirchengesang unterrichten zu lassen. Bis also diese Zeit herankam hatte ich mich in Geheimen mit einigen Sängern des Dorfes unterrichtet und beim ersten Verlangen nach Laiengottesdienst entsagte ich mich auch nicht. Ich betrat an einem gewissen Sonntage den Küsterplatz im Bethause, verrichtete nach Anordnung des Ortsgeistlichen mit meiner Gemeinde den Laiengottesdienst mit Auszeichnung und schon nach einigen Sonn- und Festtagen war mir diese Sache eine so alte und gewohnte wie dem Bettelmann die Laus. In dieser Gemeinde, von Jung und Alt geliebt, diente ich fünf Jahre. Da aber während dieser Zeit die Gesetze bezüglich der Schulen im russischen Reiche geändert wurden und alle deutschen Kirchenschulen aus den Händen der Pfarrer übergingen und unter Leitung des Ministeriums der Volksaufklärung gestellt wurden, gestaltete sich in den deutschen Kolonien Rußlands gar vieles ganz anders und es kam nach diesem oft vor, daß Lehrer auf Befehl des Inspektors einfach beseitigt oder versetzt wurden. Auch ich mußte nach fünfjährigem Dienste in Landau in diesen Apfel beißen und wurde vom Herrn Inspektor aus Neu-Landau nach Nikolaithal versetzt. Hier bekleidete ich unter Aufsicht des Schulinspektors die Lehrerstelle und zwar in allen Lehrfächern, sieben Jahre lang, und dabei wurde mir auch noch erlaubt, die Schreiber- und Küsterstelle zu versehen. Da nun aber trotzdem meine Frau ihre Heimathskolonie nicht vergessen konnte und immer Heimwehfieber hatte, gab ich im Jahre 1900 die Stelle auf und zog in der Heimathskolonie Kraßna, wo ich durch Handel besser auf die Beine zu kommen hoffte als durch Lehrerstelle. Zu großem Unternehmen war mein Geldbeutel zu schwach, denn im Lehrerdienst bei acht lebenden Kindern viel Geld zu sparen, ist bekanntlich nicht möglich. Deshalb also begann ich mit einer kleinen Lafka (Bude) und als diese mir ein paar Kopeken abwarf, ruhte ich nicht und es trieb mich, eine kleine Aussaat zu wagen, auf welche ich meinen letzten Heller setzte. Man sagt gewöhnlich: „frisch gewagt ist halb gewonnen,“ aber hier hieß es zur Abwechslung ganz verloren, denn es traf mich eine gänzliche Fehlernte, sodaß ich völlig fertig war und auch die kleine Lafka nicht weiterführen konnte. Die Fehlernte traf nicht nur mich sondern viele so arme Familien, und guter Rath war theuer. Auf alle Art wurde versucht soweit zu kommen ein Fortkommen zu finden und, als alles vergeblich war, kam eine Gesellschaft, bestehend aus etwa 50 Familien, auf den Entschluß Kraßna zu verlassen und bessers im fernen Sibirien oder in Amerika zu suchen. Viele, die geerbtes Land hatten, konnten sich durch Verkauf desselben die Mittel zur Reise nach Amerika verschaffen. Solche aber, die so glücklich nicht waren, wurden sich einig und wählten mich und Narzisius Kuß aus der Mitte der Gesellschaft und sandten uns nach dem bei tausend amerikanische Meilen entfernten Sibirien, damit der ganzen Gesellschaft bei der Ankunft dort keine zu großen Schwierigkeiten im Wege stehen. Noch ehe wir zwei Männer abfuhren verkauften schon viele ihre Häuschen und Hab und Gut, wie auch ich selbst, und harrten mit ihren paar Rubeln in der Tasche auf gute Nachricht von uns. Ich will es kurz machen: unsere Auskunft lautete nicht günstig und ein jeder von uns Armen suchte dann auf eigene Faust sein Dasein zu fristen so gut es eben gehen wollte. Jeder suchte nach passender Beschäftigung. Ich selbst verließ Kraßna mit 70 Rubel Geld und einem einspännigen Fuhrwerk mit neun lebenden Kindern. Das zehnte Kind, die älteste Tochter, war schon nach Amerika gegangen. Mit diesen Habseligkeiten suchte ich mein Glück und Brot auf dem Marktflecken Wollontirofka, wo mein Vater 14 Jahre lang Gasthausbesitzer gewesen war. Hier pachtete ich mir einen passenden Hof mit den nöthigen Gebäuden und eröffnete eine Weinhandlung, Thee- und Speisehaus nebst Einkehrhaus. Meine ältesten Söhne, damals 13, bezw. 11 Jahre alt, gab ich ab, damit sie das Schmiedehandwerk erlernten und mit den andern Kindern führte ich das Geschäft. Dieses wäre an und für sich recht gut gewesen. Als aber der Hausherr sah, daß sein Hof zu einem Gasthof eingerichtet war und mit der Zeit großes Einkommen bringen könnte, wurde mir am Ende des Pachtjahres der Hof abgesagt, weil der Wirth selbst den Gasthof weiter führen wollte, und ich stand wieder rathlos da.
Da ich sehe, daß meine Lebensbeschreibung zu lang wird, werde ich mich kürzer fassen müssen. Auf Anrathen guter Freunde machte ich mich in das Dorf Weradenskow (?-Red.) wo sich ein neuer Markt gegründet hatte und pachtete dort den von der Gemeinde hergestellten Einkehrhof, aber was mir in Wollontirofka gelungen war, wollte mir hier nicht glücken. Ich ging wieder zurück nach Wollontirofka, versuchte es mit Weinhandlung und auf einer anderen Stelle mit einer Bierhalle. Da aber es nicht gehen wollte, gab ich solchen Handel auf und ging, gänzlich mittellos, nach Emmenthal. Von da schickte ich meinen dritten Sohn in die Lehre als Schuhmacher und ich selbst verlegte mich nun auf die Metzgerei. Dieses Geschäft brachte mir ein gutes Einkommen und ich lebte hier zwei Jahre. Nun kaufte ich meinen zwei Söhnen, welche das Schmiedehandwerk inzwischen erlernt hatten, das zum Betrieb nöthige Handwerkszeug und Geschirr und übersiedelte auf Wunsch der Frau und der Kinder nach Kraßna, wo ich meinen Söhnen die Schmiede herrichtete und mit denselben im vergangenen Jahre arbeitete. Im Anfang schien es als ob die Schmiede sich gut lohnen würde, als aber dann die schwache Ernte kam und selbst das wenige Getreide noch infolge fortwährender Regengüsse verfaulte, war der Geschäftsgang dahin. Es trat Stockung ein und die Werkstätten mußten schließlich ganz geschlossen werden. Die Kreditbanken verweigerten allerwärts den Leuten Kredit und das Elend der Geldnoth war dieses Jahr so groß, daß kein Bewohner sich erinnert je so schlimm in Rußland es erlebt zu haben. Also schloß auch ich die Schmiede und machte mich wieder auf die Suche nach etwas Besserem. Um nicht länger in Kraßna selbst Noth zu leiden und das Elend der anderen mit anzusehen, kaufte ich mir ein Fuhrwerk und wanderte mit Sack und Pack wieder nach dem Nördlichen Bessarabien. Ich kam bis auf den Marktflecken Petrofka, wo meine Söhne als Schmiedegesellen dienten. Hier weilte ich vergangenen Winter bis zum Frühjahr dieses Jahres in der Absicht vom Frühjahr an da meine Schmiede zu betreiben, da sich aber unterdessen acht Werst von Petrofka auf dem Marktflecken Taraklia sich mir ein ganz passender Platz bot, siedelte ich mich hier an, betreibe Schmiede, Schusterei und Farbenstreicherei und habe dabei ein recht gutes Auskommen.
Nun möge der liebe Gott seinen Segen geben, daß ich nach zurückgelegten 55 Jahren und bei schwachen Augen, nicht noch mehr solche Strapazen durchmachen muß. Wäre es nicht wegen meiner Kinder, hätte ich für meine Person leicht ein Durchkommen, denn ich könnte leicht als Verwalter auf Landgütern und in ähnlichen Stellungen mein Auskommen leicht verdienen, aber ich konnte solche Posten nicht annehmen, wenn ich meine Söhne in ihrem Handwerk auf eigene Füße stellen wollte. Nun aber sind sie in ihrem Handwerk schon mehr selbstständig geworden, und so könnte es sich ereignen, daß ich doch noch einen solchen Posten annehme, denn heute ist mir wieder ein solcher von Herrn Michael Groß angetragen worden und, sollten wir uns in Bezug auf Gehalt einig werden, so kann es werden, daß meine Söhne ihr Handwerk selbständig betreiben und ich diesem Berufe folge. –
Und nun herzlichen Gruß Herrn Jakob Sommerfeld. Nur Ihre Korrespondenz, lieber Freund, daß Sie gerne Bekanntschaft mit mir machen wollen, brachte mich auf die Idee und auf das Versprechen, durch den Staats-Anzeiger meine Aufwartung zu machen. Freilich muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich, erst so spät mein Versprechen halte, aber Herr Sommerfeld und die lieben Mitleser werden mir wohl mit Rücksicht auf meine Wanderungen von Ort zu Ort gerne verzeihen.
Und Sie, mein alter, guter Kollege Anton Jochim, wo bleiben Sie mit Ihrem Conterfei für den Leserkreis des Blattes, in welchem Sie schon seit Jahren wirken. Mich namentlich würde es freuen, nicht nur im Blatte Ihre Worte zu lesen, sondern auch Ihr Bild zu schauen. Wohl sehr selten findet man in dieser Welt eine Zeitung, welche ihren Agenten und Korrespondenten eine solche Ehre erweist wie der Staats-Anzeiger. Darum also, liebe Mitkorrespondenten, namentlich im Auslande, sollten Sie diese Mühe und Ausgaben dieses Blattes schützen und sammt und sonders sich auch dem Leserkreis im Bilde zeigen.
Die Witterung ist schon seit März und noch bis heute sehr trocken gewesen. Nur einen guten Regen hatten wir in der langen Zeit. Die Aussichten auf eine gute Ernte sind zwar zurzeit glänzende, doch da bei Gott kein Ding unmöglich ist, könnten selbst die besten Aussichten zu nichts werden.
Am 10. April wurde hier in Taraklia nächtlicherweile bei einem Juden eingebrochen um ihn zu berauben. Der Unhold, bei sich eine Hacke tragend, versetzte dem Juden beim Erwachen einen Hieb auf den Kopf, daß dieser wie todt liegen blieb. Am Morgen aber erwachte der Jude wieder und ließ gleich aus Odessa zwei Polizeihunde kommen, um den Attentäter aufzuspüren. Die Polizei ließ die Hunde los und diese fanden nicht nur den Thäter, sondern auch auf dem Speicher die Hacke mit der er die That beging, in Lumpen eingewickelt. Da diesmal meine Korrespondenz ohnehin recht lang ist, werde ich darüber mehr ein anderes Mal schreiben. Wunderbar ist es in der That, einem wie seinen Geruchssinn diese Hunde haben, die selbst die Spürnasen der Polizei weit in Schatten stellen. Vor solchen Hunden haben alle Bösewichter heillosen Respekt.
Mit Gruß allerseits zeichnet
Romuald Dirk