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dokumente:zeitungen:eureka:e-19130626-q2

Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 26. Juni 1913

Film 3639, Vol. 7, No. 48, Page 2

Taraklia, Bessarabien April 27. 1913

Gerade saß ich da und las eifrig die Nachricht darüber was sich in F. mit dem alten Soldaten und der Frau H. aus S. und dem Todbeten ihres Mannes zutrug, da erschien der Postillon und überreichte mir aus seiner Ledertasche einen Brief aus Amerika und Nummer 39 des Staats-Anzeiger. Also nahm ich zuerst den Brief, welcher von meinen Kindern Eduard und Eugenia Richter in Morton County Nord-Dakota kam, und aus welchem ich ersah, daß sie alle gesund sind, was mich sehr freut. Während ich aber den Inhalt des Briefes überflog, schweifte ein Auge auch schon seitwärts wo der Staats-Anzeiger lag, denn ich bin immer sehr neugierig, was er uns gutes bringen mag. Kaum hatte ich die letzten Worte des Briefes erfaßt, streckte sich die linke Hand auch schon nach dem Blatte aus. Dasselbe wurde nun rasch entfaltet und ich überflog erst einmal alle Unterschriften und Ueberschriften, und da las ich auch einen kurzen Artikel von der Hand meiner Tochter Eugenia, Frau von Eduard Richter. Dann studirte ich den Bericht meines Freundes Jakob Sommerfeld und, als ich an die Stelle kam, wo Herrn Sommerfeld's bessere Hälfte sagte: „Wenn du ein paar Kopeken hast, dann mußt du gleich an die Zeitung schreiben,“ da stimmte auch gleich meine Frau in das Liedchen ein wären die beiden Frauen zusammen gewesen, hätte es gewiß ein ganzes Konzert gegeben. Aber unsere lieben Frauen haben nicht ganz recht. Freilich hätte man ja oft diese und jene Kopeke sehr nöthig, aber was hülfe es, die paar Kopeken zu etwas nothwendigen, zum Beispiel in der Wirthschaft anwenden? Es wäre wirklich zu unbedeutend, spielt keine Rolle, aber anderseits säße ich da ohne zu wissen was auf der Welt vorgeht, wie es viele Leute giebt, die keinen Pfennig für Zeitungen ausgeben und so in die Welt hineinleben wie der Käfer im Mist. Auf einer Hochzeit oder Kindtaufe kommt es Manchen nicht schwer zehn Rubel zu verausgaben, weil es ihm Freude macht. Warum also soll ich mir um ein paar Rubel nicht eine Freude machen, die ein ganzes langes Jahr anhält, während sie bei der Hochzeit nur nach Minuten oder Stunden zählt? In Verbindung mit Freunden und Bekannten auf dieser Erde bleiben, ist das Leben eines Menschen, und Dreckfressen das Leben eine Käfers. Doch, davon will ich aufhören, [Gott sei Dank! –red.] sonst könnte ich darüber eine ganze Epistel schreiben.

Dann erinnere ich mich des geehrten Herr Korrespondenten Peter Gabriel in Süd-Dakota, und es freut mich, daß meine Abhandlungen dort gerne gelesen werden. Ein Korrespondent muß natürlich darauf bedacht sein etwas dem Blatte zu liefern was ihm Ansehen und Achtung verschafft und man muß nicht dem Blatte etwa Korrespondenz liefern, die ihm eher schädlich als nützlich sind. Das, liebe Mitarbeiter und Leser, Bitte zu bedenken. Durch solche Korrespondenzen bekommt denn auch der Papierkorb soviel Futter, daß er Hilfe haben sollte alles zu verschlucken. Vom Papierkorb aber, lieber Freund Gabriel, haben wir nichts und wir wissen nicht was er alles verdauen muß, nur die Redaktion kennt das Geheimniß des Papierkorbes, aber die Zeitung bringt uns so Vieles und Mannichfaches, so Interessantes, Neues und Wichtiges, daß ich hoffe auch von Ihnen, Herr Gabriel, mehr zu hören und zwar Abhandlungen ähnlichen Inhalts wie die meinigen, und dann hoffe ich auch in Wort und Bild näher bekannt zu werden. Bis diese Zeilen in Druck erscheinen, ist vielleicht bereits mein Bild nebst Lebensbeschreibung im Staats-Anzeiger erschienen, und dann können Sie und die Mitleser sich eine Vorstellung von meiner Persönlichkeit machen.

Ich will meine Korrespondenz abkürzen, damit doch Platz leibt für die Beiträge meines alten lieben Kollegen Anton Jochim, denn ich wunderte mich schon, daß mit einem Male nichts mehr von ihm erschien. Noch eines aber möchte ich Herrn Peter Gabriel bitten, nämlich wenn in seiner Umgegend Freunde oder Bekannte von mir wohnen, mir darüber demnächst zu schreiben.

Seit dem 25. April hat der Bauer hier Witterung wie er sie wünscht, denn seit dem ?? bis heute haben wir Regen und noch ist kein Ende in Sicht. Bedenklich war es dieses Jahres für den Bauer mit der Welschkornsaat, weil das vorjährige Welschkorn nicht richtig ausreifte und älteres Welschkorn für Saat nicht Vielen zur Verfügung stand. Darum ist man besorgt, daß vielleicht das Welschkorn nur schwach oder garnicht aufgehen könnte. Jetzt ist es noch zu früh, darüber zu urtheilen.

(Adressenänderung soeben erhalten und gleich besorgt. -Red. Staats-Anzeiger.)

Herzlichen Gruß an meine Kinder in Morton County, an alle Freunde und Bekannte und an den ganzen Leserkreis.

Achtungsvoll

Romuald Dirk.

dokumente/zeitungen/eureka/e-19130626-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher