Film 3639, Vol. 7, No. 49, Page 2
Krasna, Bessarabien Mai 16. 1913
In der 42. Nummer hann ich de Artikel vun dir Stolanus Wingenbach geles und das hat mich gefreit daß du dei Muttersproch noch nit vergeß hascht. Ich dank dir, liewer Stolanus, vor dei Gruß und grüß do dervor zehn Mohl. Du un ach unsere anere Kraßner in Amerika dete gern wisse welle wie ich mit Name hesch, awer das derf ich jetzt nimmi sahn sunscht hette se mich gleich in Loch. Du wescht doch, Stolanus, wer bei uns in Kraßna de Wohrheit saht, denne schperre se plötzlich in. Ich hett mer so schur lang das scheene Blatt ach verschrieb daß ich doch nitt immer rumlaafe breicht bei denne wo das Blatt lese und horche was drin is awer ich han mich schun hin un her besunn wie mer des mache kennt und es geht uf kee Art. Ich hann schun gedenkt ich loß mer das Blatt uf e annere Name verschreiwe, awer wie sinn se bei uns in Kraßna nor uf rothe Röckcher verdiene. Wann ich des dhun dhät, dann wär derjehnige in eener Stunn im Dorf rum und dhät sahn: „Jetzt hann ich denne wo E Bauer in dr Zeitung isch!“ Un dann wär ach schun dr Schitz do un dhät schreie: „Du sollscht gleich in de Kanzlei kumma!“ Ich wär noch nitt in der Kanzlei dann dhät der Owerschulz schun iewer e Stunn hinrem Tisch uf mich warte un mit de Fieß hin un her trapple, weil ich so lang nitt kumm. Ich schreib jo nor de Wohrheit in meine Artikle, awer wann ich in de Kanzlei kumme dhät, das wes ich, dann dhät r los schreie eb ich recht drinn wär: „Kerl, ich hann erfahr daß du der Zeitungschreiwer bischt wo sich immer E Bauer unnerschreibt, un wie kannscht du dich unnerstehen iewers Dorf so lüe zu schreiwe?“ Wann ich dann ach sahn dhät: „Herr Owerschulz, ja hann ich wo Lüe rin geschrieb?“ dann dhät r gleich loschreie: „Ruhig, Kerl, un maul mer nitt noch schunscht gew ich dr ach noch vors maule-Schitz! Nemmt de Kerl un setzten uf zwei Stutke inn!“ - Ich hann mich awer iewer die Sach besunn un denk so ohne mich werd jo die Redaktion genung Leser hann, un bleib bei dem wie vum Anfang. (Freilich, wenn es so schlimm dort aussieht, möchten wir Ihnen nicht rathen, sich bloßzustellen und es sollte uns herzlich leid thun, wenn Sie durch wahrheitsgetreue Schilderungen der dortigen Zustände in diesem Blatte etwa in Ungelegenheiten geriethen. Aber diese Versicherung geben wir Ihnen: so lange Sie nur bei der Wahrheit bleiben, können Sie auf unsere Hülfe rechnen, ganz gleich in welcher Beziehung diese verlangt werden mag. -Red. Staats-Anzeiger.) Wann ich hör wann ener oder der annere e frische Nummer krigt hat dann geh ich hin un froh: hascht noch ke frische Nummer vum Staats-Anzeiger? Un wann r saht jo, dann froh ich nor eb r noch niks drin gefunn hat were E Bauer is, un mit demm schmeichl ich mich an bis ich alles drin geles hann.
Jetzt, mei liewer Stolanus, hann ich awer ke Zeit, mer sin grad im Bobschoi hacke, awer wamer mit demm fertich sinn dann will ich dir noch meh schreiwe wis jetz wieder bei uns in Kraßna zugeht.
Ach e Gruß an Niklos Kahl!
E Bauer.
Film 3639, Vol. 7, No. 49, Page 2
Makarofka, Bessarabien Mai 5. 1913
Obschon diesmal mir herzlich wenig Zeit zur Verfügung steht, muß ich doch ganz schnell die geehrte Redaktion des Blattes in Kenntniß setzen, daß es mir in letzter Zeit geht wie einem Wandervogel. Ganz unerwartet wurde ich am 4. Mai berufen, auf der Oekonomie Markarofka (Russo) die Verwalterstelle anzutreten. Da ich dieses hohe Anerbieten nicht gut abschlagen konnte, machte ich mich auf den Weg ohne meine Familie mitzunehmen und übernahm am 8. Mai den mir angebotenen Posten. Ich hätte in meinem Leben kaum noch solches Glück erhofft, aber ein blindes Huhn findet eben auch manchmal ein Korn. Die Oekonomie ist die des verstorbenen hochadligen Edelmanns Russo, die nun in der Pachtverwaltung des Herrn Michael Groß steht. Trotzdem es nur 2000 Dessjatin sind, dürfte aber wohl der Posten ein schwerer sein, weil so viele und große Abtheilungen in der Oekonomie sind, welche volle Aufmerksamkeit bedingen. Da ist zum Beispiel beim Hof der Garten, bestanden von verschiedensten Obstbäumen, der bei 40 Dessjatin umfaßt. Auch sind auf dem Lande noch zwei Wirthschaftsökonomien, wo Pferde, Vieh, Schafe und dergleichen gehalten werden, und das alles will abgewartet sein. Freilich sind auch Leute dazu da, wie zum Beispiel vier ausreitende Befehlsgeber und viele Arbeiter, die aber vom Vorgesetzten stets beaufsichtigt werden müssen, soll alles am Schnürchen gehen. Freilich bin ich nun beiläufig eine Woche an der Arbeit, weiß aber noch nicht, ob ich es ertragen werde, denn ich bin kein Jüngling mehr. Ob ich es aushalten werde, täglich, ja stündlich im Wagen auf dem holperigen Lande herumzufahren, muß die Zukunft lehren. Aber, ganz gleich, dauert es lange oder nur kurze Zeit, ich bitte die Redaktion, dafür zu sorgen, daß nur das Blatt schnellmöglichst hierher nachkommt und es sich nicht verdrießen zu lassen, meine Adresse wieder und immer wieder verändern zu müssen.
Beim Empfang der Nummer 39 des Blattes bat ich den Postmeister zu Taraklia, nur die folgenden Nummern zuzusenden, und er versprach auch, es zu thun, aber ich denke mit vielen Versprechungen geht es wie mit vielen Korrespondenzen - sie wandern in den Papierkorb, und Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren. Also bitte ich die Redaktion meine Adresse wie folgt zu ändern: Gouvernment Bessarabien, Kreis Soroka, Station Sburzia, Oekonomie Markarofka, Herrn Verwalter Romuald Dirk. Auch meine Kinder sowie Freunde und Bekannte bitte ich alle Zusendungen an mich so zu adressiren. (Adressenänderung machten wir bereits vorige Woche, wie gemeldet. Wir gratuliren zum neuen Posten und wünschen Ihnen viel Glück und Zufriedenheit im neuen Wirkungskreise. -Red. Staats-Anzeiger.) Aber Briefe an meine Frau und Kinder sind nach: „Gouvernement Bessarabien, Kreis Bender, Poststation Taraklia, zu adressiren, weil diese bis wenigstens Spätherbst dort bleiben werden. In meiner nächsten Korrespondenz will ich auch meine Reise hierher schildern und auch die ganze Oekonomie näher beschreiben.
Während ich noch an diesem kurzen Berichte schreibe, klingelt schon das Telephon, welches neben meinem Schreibtische mir zum persönlichen Gebrauch und für Oekonomiezwecke zur Verfügung steht, also muß ich Schluß machen, denn ich sitze am Feuer. Es ist gerade 1 Uhr nachmittags und ich muß zur Aufsicht der Dienstleute aufs Feld.
Mit herzlichem Gruß an Redaktion und Mitleser zeichnet
Achtungsvoll
Romuald Dirk.