Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 5. März 1914

Film 3639, Vol. 8, No. 32, Page 2

Krasna, Bessarabien Januar 16. 1913

Lieber Staats-Anzeiger!
Es scheint der mir gesandte Kalender muß doch wohl verloren gegangen sein, denn ich habe ihn nicht erhalten. Nun, Spitzbuben giebt es genug auf der Welt und somit muß ich mein Warten aufgeben. Ich wäre neugierig zu wissen was das Nähbesteck für ein Geschenk ist und ich hätte es gerne, wenn es auf Rußland gesandt werden kann, selbst wenn ich nachzahlen müßte, denn es wäre doch etwas. (Das Nähbesteck ist genau wie im Blatte beschrieben. Kann gewiß nach Rußland versandt werden, müßte aber eingeschrieben werden und käme mit Versandkosten auf etwa zwei Rubel zu stehen. Wir Übersenden dem geehrten Herrn Korrespondenten nun den Lahrer Hinkender Bote Kalender als Ersatz zu, denn Marienkalender sind alle, und wir hoffen, er wird zufrieden sein. -Red. Staats-Anzeiger.)

Bis jetzt sind von meinen Berichten noch keine verloren gegangen, bis auf den vorigen, aber er mag noch kommen.

Wir haben viel Schnee und auch von 11 bis 15 Grad Kälte. Die Schlittenbahn ist leidlich gut.

Vor Weihnachten ist gestorben Simon Fenrich. Am 2. Januar verstarb weiter Anton Bonokofski alt, und am 6. Januar die Wittwe Helena Spitznagel, in Kraßna nur die rothe Lena genannt. Das wären alle Neuigkeiten für diesmal.

König Salomo soll, der Sage nach, die Stimmen aller Vögel verstanden und unbedingte Macht über sie gehabt haben. So schaute König Salomo eines schönen Morgens aus dem Fenster seiner Burg, und betrachtete sich mit Behagen den Tempel, den er gebaut hatte. Da hörte er einen Sperling, der zusammen mit einem anderen auf dem Dachfirste sitzt, zu diesem sagen: „Der König Salamo ist so stolz auf diesen mächtigen Tempel und ich, ein kleiner Sperling, wenn ich mit meinem linken Fuß dreimal nacheinander stark auftrete, zertrümmere das ganze Gebäude.“ Der Zuhörende schüttelt den Kopf und schaut staunend den Mächtigen an. König Salomo aber pfeift dem Prahler, und gebietet ihm, schnell zu ihm ans Fenster zu kommen. Das geschah auch unweigerlich und König Salomo sprach: „Wie kannst du kleiner Knirps nur so übermüthig frech sein und dich solcher Macht rühmen?“ Darauf erwiderte der Sperling: „Nimm es nicht übel, lieber König. Es ist meine Frau, zu der ich sprach, und du weißt ja, vor seiner Frau giebt man sich gerne ein Ansehen.'“ „Hast recht,“ sagte der König, „fliege ab,“ und mit diesen Worten machte König Salomo das Fenster zu. Der Sperling aber flog zurück zu seiner Frau und erzählte ihr mit stolz erhobenem Haupte, er habe dem König heilig versprechen müssen, nie von seiner Gewalt Gebrauch machen zu wollen. -

Freunde in der Noth,
Freunde im Tod,
Freunde hinterm Rücken;
Das sind drei starke Brücken.
Laß dich das Glück nicht verführen,
noch das Unglück verdrießen,
und nimm dir ja nichts Böses für;
die Straf ist sonst bald vor der Thür. -
Ach Gott, wie geht es immer zu,
daß die mich hassen, denen nichts ich thu.
Die mir nichts gönnen und nichts geben
und doch müssen leiden das ich bleib am Leben.
Und wenn sie meinen ich sei verstorben,
müssen sie für sich selber sorgen.

Gruß an Peter Schäffer und Familie, an die Redaktion, und an alle Mitarbeiter und Leser des Blattes.

Valentin Herrschaft.


Film 3639, Vol. 8, No. 32, Page 2

Emmenthal, Bessarabien Januar 26. 1914

Glück im Neuen Jahr, eine gute Ernte der Bauernschaar, und dem Staats-Anzeiger viele neue Leser und dass alle alten Leser des Blattes ihre Rückstande bezahlen, denn die Redaktion beklagt sich oft darüber, dass zu viel Geld aussteht. Das waren meine Wünsche auf 1914.

Aber auch mir selbst möchte ich auf 1914 etwas wünschen. In den Jahren 1911 und 1912 habe ich meine Prämien erhalten, aber nicht auf 1913. Ich verlangte die Scheere, aber Herr Brandt hat mir nicht geantwortet und die Scheere erhielt ich nicht. Nun möchte ich die Scheere haben, und wenn mein Bruder Joseph auf 1914 das Blatt wieder für mich zahlt, bitte ich auch um das Nähbesteck. Was nachzuzahlen ist wird der Bruder schon zahlen, denn ich bin doch nicht im Rückstand. Das Wetter ist bei uns diesen Winter sehr angenehm. Wir hatten anfangs Januar viel Schnee, der schon halb verschmolzen ist, aber die Erde noch ganz deckt, sodas die Saaten nicht in Gefahr sind zu erfrieren.

Hochzeiten waren bei uns dieses Jahr keine. Nur in Fox Valley in Canada, wo viele Emmenthaler und Krassnaer wohnen waren der Hochzeiten viele, wie ich in Nr. 25 des Blattes gelesen habe. Wie ich bemerkte, heirathen dort auch schon kleine Kinder im Alter von 14 Jahren. Der Korrespondent schrieb von Reinhold Kopp von Martin, dass er geheirathet habe. Das wäre ja mein Bruder und noch ein Kind, und alle uberigen die er angab sind noch jung, etwa 14 bis 16 Jahre alt. Er hat sie auch all mit Vatersnamen genannt, damit man sie kennen soll, aber seines Vaters Namen hat der Berichterstatter nicht unterzeichnet, hat auch nicht geschrieben wo er herstammt, sondern einfach unterzeichnet: Joseph Hirsch. Wenn man aber nichts weiter als solche Dummheiten berichten kann, ist es besser man schweigt still. Kindereien sind nicht an das Blatt zu berichten. Natürlich kann der Redakteur des Blattes unmöglich wissen, ob die erfunden und erlogen sind, denn der Redakteur ist nicht mit allen Verhältnissen vertraut und nicht allwissend. Wer solche unwahren Berichte einsendt, ist ein Schuft.

Gruss an meinen alten Kamerad Phillip Seifert in Adams County Nord-Dakota. Es freut mich, dass er so oft mir schreibt. Trotzdem so viele Emmenthaler in Amerika wohnen, lässt sich kein anderer horen. Ihm sei zur Nachricht, dass sein Nachbar Mathias Miller bis Frühjahr nach Amerika zieht. Sein Sohn Joseph und seine Tochter Theophilia bleiben da. Mit ihm geht noch Rudolf Kopp und Marianna, die Tochter des Peter Gross von Jakob. Ferner Elisabetha die Tochter des Karl Mass, welche sich mit Thomas Blotzky verheirathet hat, der aber am 5. September 1913 im Hospital zu Odessa starb. Es war Niemand bei ihm, als er verschied und als sein Bruder hinkam, um nach ihm zu sehen, war er schon fünf Tage begraben. Dies auch seinem Bruder Romanus zur Nachricht, denn die Brüder haben ihm schon geschrieben, bekommen aber keine Nachricht. Von Vikus geht die Anna Bleile und ihr Schwiegersohn Johannes Harsche aus Krasna, und Valentin Schwengler. Aus Large gehen auch einige, deren Namen ich nicht nennen kann. Es kommen im Ganzen neun oder zehn grosse Mädchen. Da können sich die Amerikanischen Burchen freuen. Rochus Gross übermittelt auch freundlichen Gruss an dich Phillip Seifert und bittet, du mögest ihm den Staats-Anzeiger zuschicken, wenn du willst. Wenn nicht, dann sollst du ihm schreiben, denn dann wird er sich das Blatt durch mich durch meinen Bruder Joseph in Canada verschreiben lassen. Also, Kamerad Phillip-Rochus wäre dir sehr dankbar für das Blatt.

Freundlichen Gurss auch an meinen Kameraden Stolanus Wingenbach bei Raleigh in Nord-Dakota, der doch nicht weit von meinem Schwager Barnabas Steiert wohnt und den ich bitte, mir doch etwas vom Schwager direct zu schreiben. Wenn der Schwager einmal schreibt, was selten vorkommt, ist der Convert gewöhnlich fast leer.

Gruss auch an Lorenz Löb von Peter. Weiss nicht, ist er Leser des Blattes oder nicht aber ich glaube. Gruss auch an seine Eltern. Leser, welches in der Nähe meines Vetters Jakob Kopp wohnen möchten ihm doch sagen, einmal zu schreiben. Ich sende ihm die schuldigen 18 Rubel.

Joseph Hittel in Canada zur Nachricht, dass sein Schwiegervater Phillip Engel so schwer krank ist, dass an seinem Auskommen gezweifelt wird. Er durfte schwerlich Ostereier essen. Sonst wäre ins Dorfe alles gesund.

Vor kurzer Zeit fuhr ein Bulgare von Anschenkrak (Tarutino) nach Leipzig. Unterwegs erblickte er zwei Wölfe, die begierig auf ihn zu kamen. Der Schnee war tief, der Schlitten klein, die Pferde schwach, und die Noth gross. Er trieb seine Pferde nach Kräften an, aber die unheimlichen Gesellen kamen immer näher heran. In grösster Noth band er seinen langen rothen Bojas hinten an den Schlitten. Die Wolfen kamen nicht an denselben, denn sie fürchteten den rothen Bojas, und der Bulgare rettete auf diese Weise sein Leben.

Mit dem Eisenbahnbau von Leipzig nach Akkerman wird am 1. März begonnen. Das Material ist schon herbeigeführt. Die Eisenbahn geht nicht nur von Leipzig nach Akkerman. In Akkerman geht sie nicht in den Hafen, sondern biegt rechter Hand ab und führt 10 Werst weiter nach Tschibrisen in ein bulgarisches Dorf, wo man einen neuen Seehafen baut. Nach Krasna an die grosse Brücke kommt ein Waksall , sodas es für die Krasssnaer die sonst 29 Werst bis zur nahsten Bahnstation Leipzig hatten recht gut sein wird, und auch wird dann leicht nach Krassna zu fahren sein. Bis 1915 soll noch eine Bahn von Leipzig obenhinaus gebaut werden nach Lewen und nach Kischineff, sodas in Leipzig ein grosser Waksall sein wird, ähnlich wie in Rasdelnaja, oder noch grösser. Der Waksall wird ganz neu gebaut und der alte bleibt auf der Seite liegen. Es wird mit der Zeit noch eine Stadt Leipzig geben.

Doch, ich muss doch endlich schliessen. Gruss an meine alte Mutter in Canada und an meine Brüder. Sie möchten mir bald schreiben. Joseph, warum berichtest du nicht mehr und öfters an den Staats-Anzeiger? Jetzt hat Bruder Peter geheirathet und so mag wohl deine Zeit knapper bemessen sein. Also, liebe Freunde alle, lasset die Federn nicht einrosten.

Zachäus Kopp, von Martin