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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 12. März 1914

Film 3639, Vol. 8, No. 33, Page 2

Emmenthal, Bessarabien Januar 20. 1914

Selbst als nichteingeschriebene Leserin des Blattes erdreiste ich mich, jetzt ein paar Zeilen dem Staats-Anzeiger zu schreiben. Ich lese das Blatt regelmässig bei meinem Vetter Romauld Dirk u. hätte es gleich beim ersten Anblick für uns bestellt, wenn wir nicht im Sinne hatten, bald Russland Lebewohl zu sagen und am 15. Februar die Reise nach der neuen Welt anzutreten. Deshalb haben wir es immer wieder zurückgestellt. Sobald wir aber ankommen, werden wir uns das Blatt gleich kommen lassen.

Besonders hat es mich erfreut, von meinem Schwager und der Schwägerin Celestina Schnell Korrespondenzen im Blatte zu lesen, und zu bemerken, dass auch sie Leser des Blattes sind. Der Staats-Anzeiger muss ja über die ganze Erde verbreitet sein. Aber, lieber Schwager. Sobald wir dort ankommen, werden wir darüber mehr sprechen. Der Staats-Anzeiger muss dann gleich in's Haus, gerade wie bei dir.

Ich muss es kurz machen mit dem Bericht, denn das Blatt hat ja mehr als genug Korrespondenzen von eingeschriebenen Lesern, und das sollten die nichteingeschriebenen nicht auch noch Platz verlangen. Schwager Schnell zur Nachricht, dass wir seinen Brief erhielten und uns auch betreffs warden. Bis Mitte März hoffen wir euch alle zu umarmen.

Auf baldiges Wiedersehn und mit freundlichem Gruss allerseits an die Leser des Blattes

Klara Müller, Frau von Mathias


Film 3639, Vol. 8, No. 33, Page 2

Konstantinofka, Bessarabien
Januar 26. 1914

In Nr. 24 des Blattes las ich eine Abhandlung von Valentin Herrschaft, in welcher die Frage gestellt wird, wo ich so lange mit meinen Korrespondenzen bleibe. Schon gut, Vetter Valentin, gut Ding will Weile haben. Gerne würde ich ja in jeder Nummer etwas bringen, aber Sie werden wohl wissen, daß man aus einem Brunnen der wenig Wasser enthält, nur seltener schöpfen darf, und ähnlich sieht es auch in meiner Geldtasche aus. Heute, zum Beispiel, schreibe ich, und nach drei Stunden ist die Einsendung auf der Post, und da muß man immer so tief mit den Fingern in die Geldtasche greifen, ehe man zu den Marken die nothwendigen 10 Kopeken findet. Dann soll doch auch bei dieser Gelegenheit das Städtchen nicht verlassen werden, ohne dem Magen etwas zugeführt zu haben. Natürlich aber wird meinerseits per allem vorgesorgt, daß der Staats-Anzeiger nicht Noth leidet, der vor allen Blättern der Welt in so hohem Ansehen steht.

Ich muß melden, Vetter Valentin, daß es herzlich mich freute, Ihre Abhandlung zu lesen, und Sie schießen in derselben so trefflich, daß ein Jäger es nicht besser könnte. Im Spätjahr war ich drunten in Kraßna und hatte fest mir vorgenommen, Ihnen und meinem Gevattermann Gottlieb Leintz, der ja auch Leser des Blattes ist, einen Besuch zu machen, aber wie gehts, wenn einem zur Erledigung der zu besorgenden Geschäfte die Zeit zu kurz bemessen ist? Da rutscht eben manches Vorhaben daneben hinunter. In zwei Wochen werde ich aber wieder in Kraßna sein und Ihnen und meinem Gevattermann den vorgenommenen Besuch abstattet. Sie werden im Blatte wohl gelesen haben, daß ich den Sommer im nördlichen Bessarabien zubrachte unter dem Moldowanervolk, deren Vorfahren die aus Italien Verschickten waren. Es läßt sich denken, daß die Nachkömmlinge nicht anders geartet sind, denn man kann auch hier mit Recht sagen: „Der Wolf läßt von den Haaren, aber nicht von den Nicken.“ Im Laufe der Zeit mußte ich erfahren, daß es für eine Person, welche ihre Sitten nicht gewohnt ist, lebensgefährlich ist unter ihnen zu leben. Diesem heimtückischen Volke nicht zum Opfer zu fallen, verließ ich nach Verlauf eines halben Jahres die Gefahr und wohne bei den Meinen in Konstantinofka bei Emmenthal.

Korrespondiren Sie fleißiger, Herr Vetter, denn Sie sind ein geschickter Jäger. Ich erinnere mich noch recht lebhaft an die Worte Ihres seeligen Schwagers Franz, der seine Geschicklichkeit im Jagen mit den Worten rühmte: „Wärest du ein Hase, könntest du dich verstecken, wo auch du wolltest, mein Auge würde dich finden.“ Sie gaben damals ihm zu verstehen, daß Sie einen Platz finden würden, wo sein Auge ihn nicht entdecken würde. Der Schwager, ganz neugierig, was für ein geheimer Platz das wohl sein könnte, drang in Sie, den Platz doch zu nennen wo er Sie nicht finden würde, und Sie antwortete in lakonischer Kürze: „In der Kirche.“ Der Schwager war still. Er hatte kein Wort zu entgegnen.

Grüße an alle meine Freunde in Amerika und Canada. Es wäre mir angenehm, durch den Staats-Anzeiger zu erfahren, ob denn meine Geschwisterkinder Anton Hermes und Poncianus von Jakob Dirk nicht Leser des Blattes sind. (Da Sie das Postamt nicht angeben, können wir das bestimmt nicht sagen, aber wir glauben nicht, daß sie eingeschriebene Leser sind. -Red. Staats-Anzeiger.) Wenn sie nicht Leser sind, bitte ich die Leser des Blattes in ihrer Nachbarschaft, ihnen zu übermitteln, daß ich sie bitte, auch diese Zeitung zu bestellen. Ich glaube, das wird für die Bestellung genügen, und so hoffe ich in allernächster Zeit ihre, wie auch die Adresse ihres Vaters Jakob Dirk im Blatte zu erfahren, denn ich hätte brieflich sehr Wichtiges ihnen zu schreiben. (Jakob Dirk ist eingeschriebener Leser des Blattes. Seine Adresse lautet: Jakob Dirk, Straßburg, N. D. , U. S. A. -Red. Staats-Anzeiger.) Grüße an meine Kinder in Morton County N. D. Es freute mich, daß Ignatz im Blatte seiner Schwiegereltern gedenkt.

Kollege Anton Jochim zur Nachricht, daß ich dieser Tage an ihn brieflich mich wenden werde. Ich denke Estevan Sask., Canada ist seine Adresse und wird genügen. (Zur Zeit ist Herr Jochim zwar in Straßburg, N. D., aber ein nach Estevan adressirter Brief wird ihm sicher zu Händen kommen. -Red. Staats-Anzeiger.)

Mit Gruß allerseits an den Leserkreis zeichnet

Achtungsvoll

Romuald Dirk.

dokumente/zeitungen/eureka/f-19140312-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher