Film 3639, Vol. 9, No. 11, Page 2
Emmenthal, Bessarabien Juli 16. 1914
Auch ich will in der heißen Zeit den Staats-Anzeiger nicht vergessen und wenigstens ein paar Zeilen schreiben. Vor allem will ich kundthun, daß uns schlimme Zeiten bevorstehen. Rußland steht heute mit seinem Heere an der österreichischen Grenze und jeden Augenblick kann der Weltkrieg entbrennen. Rußland auf Oesterreich, Deutschland auf Rußland, Frankreich auf Deutschland, Italien auf Frankreich, Bulgarien auf Rumänien und die Türken wieder auf Bulgarien. Der Weltkrieg scheint unvermeidlich.
Der Staats-Anzeiger wird uns ja bald das Nähere darüber bringen. (Jawohl, das ist in der Zwischenzeit schon geschehen, und die Leser in Rußland erfahren die Wahrheit über den Krieg, wenn nicht die russischen Behörden das Blatt so schwärzen, daß nichts mehr vom Kriege im Blatte zu lesen ist. -Red. Staats-Anzeiger.)
Ich bitte die Leser, mir noch etwas Zeit zu geben bis ich die dringendsten Arbeiten bewältigt habe, dann werde ich wieder öfters berichten, und hoffentlich thut Freund Jakob Sommerfeld ein Gleiches, damit das Blatt nicht Noth leidet.
Gruß an ihn und an meinen Kollegen Anton Jochim, sowie an meine Kinder in Morton County Nord-Dakota. Ihnen zur Nachricht, daß die Großmutter in Kraßna auf dem Sterbebette liegt.
Gruß allerseits an den Leserkreis des Blattes.
Romuald Dirk.