Deutsch
Eureka, Süd Dakota
vom 8. Mai 1917
Zur Geschichte der deutschen Kolonien am Schwarzen Meer
Die Kolonie Kraßna
(Gouvernement Bessarabien)
Die Kolonie Kraßna wurde im Jahre 1814 am rechten Ufer des Talflüßchens Kugelnik Runduk von deutschen und polnischen, größtenteils katholischen Ansiedlern gegründet. Die Kolonie Kraßna liegt 95 Werst von der Kreisstadt Akkermann, 100 Werst von der Gouvernementsstadt Kischinew und 140 Werst von Odessa. Hier in einem bis 4 Werst breiten Tale, das ganz mit Rohr, Binsen, Dornbüschen, mannshohem Gras und Burian bewachsen, eine Behausung von Wölfen und anderen wilden Tieren war, ließen sich die von den Strapazen der langen Reise erschöpften Ansiedler nieder. Bei ihrer Ankunft waren die meisten von ihnen mittellos und gänzlich auf die Unterstützung der Regierung angewiesen. Das für die Fruchtfelder bestimmte Land ist ziemlich uneben und war größtenteils mit Dornbüschen bewachsen, was den Ansiedlern das Bearbeiten des Landes sehr erschwerte, während die wasserreiche Tiefebene ihnen prächtige Viehweide bot, deshalb wandten die Ansiedler ihre Aufmerksamkeit mehr der Viehzucht und dem Handel als dem Ackerbau zu.
In den ersten Jahrzehnten wurde die Entwicklung der Kolonie durch verschiedene störende Einflüsse und Ereignisse gehemmt: bald entstanden Krankheiten, die eine große Zahl der neuen Ansiedler ins Grab brachte, bald kam eine Seuche, welche die letzte Kuh, das letzte Zug- oder Handelsvieh wegraffte. Auch ihre wenigen landwirtschaftlichen Produkte konnten die Ansiedler nur selten zu annehmbaren Preisen verkaufen, weil sie allzu sehr von einem Absatzmarkt entfernt waren, deshalb waren sie aus Mangel an Geld mehr auf den Tauschhandel angewiesen. Man mußte eben, um Getreide verkaufen zu können, nach der 140 Werst entlegenen Stadt Odessa fahren, was regelmäßig eine Woche Zeit in Anspruch nahm und außerdem höchst gefährlich war, da sie zurückfahren mußten, auf dem Rückwege von umherziehenden Zigeunern beraubt wurden.
Da die Ansiedler teils Katholiken, teils Lutheraner waren, so konnten sie nicht lange in Frieden beisammen wohnen, bald schlich sich Unfriede, Streitsucht und Parteilichkeit in der neuen Gemeinde ein, die erst dann ihr Ende nahm, als die Gemeinde von der Westseite her Land abteilte und ein neues Dorf „Katzbach“, 8 Werst von Kraßna gelegen, bildete, wohin sich die Kolonisten lutherischer Konfession ansiedelten. Somit blieben in Kraßna ausschließlich nur noch Katholiken was zur Folge hatte, daß der Friede in der Gemeinde bald wieder hergestellt war.
Im Jahre 1865 wurde in Kraßna eine neue Pfarrkirche gebaut. Rechts bei der Kirche steht das Pfarrhaus: es wurde im Jahre 1885 erbaut, befindet sich in einem geräumigen Höfchen, woran sich ein dazugehöriger Gemüse- und Obstgarten anschließt; links desselben ist das Schulhaus mit den Lehrerwohnungen. Dieses ist für die gegenwärtige Schülerzahl viel zu klein; es mißt 10 Faden in der Länge, 3 ¼ Faden in der Breite, soll aber 200 Kinder zum Unterricht in sich bergen. Doch soll auch diese Übel recht bald beseitigt werden.
Das Gemeindeland der Kolonie Kraßna beträgt 6910 Deßjatinen - zählt 114 Wirtschaftsstellen, Landlose gibt es gegenwärtig im Dorfe 54 Familien, die auswärts wohnenden nicht mitgerechnet. Kaufland hat sich Kraßna bis jetzt noch ganz wenig erworben, die das Dorf verlassenden Familien begeben sich zu meisten nach dem Auslande, so z. B. ist in Rumänien ein ziemlich großes Dorf Caramurat, ausschließlich von Krasnaer Auswanderer gebildet worden. In der jüngsten Zeit übersiedelten die meisten nach Nord-Dakota und Canada. Auch nach dem Kaukasus sind nicht wenige übergesiedelt.
Kraßna zählt 1864 Seelen, alle katholischer Konfession, hat eine Pfarrei, 1 Schule mit 2 Lehrern und 225 Schulkindern. Ferner befinden sich daselbst: 14 Schmiede, 8 Stellmacher, 3 Tischler, 2 Schneider, 8 Schuster, 2 Streicher, 3 Kramläden, 3 Weinhandlungen, 1 Wind- und 1 Dampfmühle.