Auszug aus der „Eureka-Rundschau“ 18. Mai 1922 · 📰

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Eureka, Süd Dakota
vom 18. Mai 1922

Aus Südrußland

Kraßna
den 21. März 1922

Lieber Onkel Adam und Tante Maria Zerr!

Danke bestens für eueren Brief Wie bin ich nun so froh über die Ankunft meines Briefes in Amerika, aber noch mehr würde ich mich freuen, wenn ihr es fertig kriegen könntet, mich nach Amerika kommen zu lassen, Es ist ja wohl schwer, aus Rußland herauszukommen, aber ich bin gezwungen es zu tun, wenn ich nicht verhungern will. Von den deutschen Kolonisten an der Wolga, das heißt in Saratow und Samara, ist nur noch ein kleiner Teil übrig geblieben, alle anderen sind verhungert. Dort verzehren die Leute nicht nur krepiertes Vieh, sondern auch Hunde und Katzen, Ratten und Baumrinde, von Blättern schon gar keine Rede, die hat man allererst verzehrt. Ja sogar Fälle kamen nicht selten vor, daß Eltern ihre eigenen Kinder verzehrten. 0 schauderhaftes Bild. Ich glaube nicht, daß ihr Amerikaner euch eine richtige Vorstellung davon machen könnt, denn es geht über menschliches Verstehen. In der Krim herrschen dieselben Zustände, wie man hört: Hunde und Katzen sollen schon alle aufgezehrt sein. Hier in Kraßna hat vielleicht mancher Wirt noch auf zwei Monate Brot. Ich sage vielleicht. Ja, und dann, was dann! Wir sind dann unrettbar dem Hungertod preisgegeben. Ausgesät sind nur ein paar Deßjatine. Verhungert ist bei uns in Kraßna bis jetzt noch keiner und zwar deshalb nicht: Wenn einer nichts mehr hat, so muß der andere, der nach einer Woche vielleicht auch nichts mehr hat, füttern. Ach, könnte ich doch mündlich mitreden, so würde ich euch alles, alles erzählen. Unsere Mutter Walburga ist am 11. April 1919 in Odessa, im Evangelischen Hospital nach einer schweren Operation gestorben. Auch ist Tante Magdalena, Onkel Anton seine Frau den, 1. März 1920 an Typhus gestorben. Diese abscheuliche Krankheit wütet in ganz Rußland. Ja, ich bin derjenige, der in Saratow im Seminar studiert hat, Ich bin Lehrer, aber leider kann ich in diesem Beruf mein Brot nicht verdienen. Schreiben sie mir, bitte, ob ich in Amerika als Lehrer mein Brot verdienen könnte. Auch würde ich keine Furcht haben vor Schwarzarbeit. Somit grüße ich aufs herzlichste.

Ihr Neffe Joseph Ochs.

Nachschrift: Die besten Grüße an euch von Vater und meinen Geschwistern. Es grüßt euch noch der Onkel, Anton und seine Kinder. Der stumme Onkel Leopold ist auch noch gesund.

Obiger Brief wurde uns von Rochus Zimmermann, Park Kansas, zum Abdruck zugesandt.