Bismarck, Nord Dakota
vom 15.02.1929
Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bess.,
den 19. Dezember 1928
Werte Redaktion
Teile mit, daß das Schneien am 16., 17. Dezember begonnen hat. Der Schnee liegt 1½ Zoll hoch, eine mittelmäßige Kälte herrscht bei uns. Bis zum 16. Dez. war die Witterung sehr gut. Vor dem Schnee hatten wir Regen, so daß es in diesem Jahre nicht an Feuchtigkeit fehlt, und unsere Bauern sind jetzt wieder ganz aufgelebt.
Ich machte eine Reise nach Ackerman. Auf der Arziser Station traf ich einen bekannten Herrn Eduard Schuler aus Tarutino. Die Reise machten wir bis Ackerman zusammen und unterhielten uns sehr gut. Das Gespräch kam auch auf die schönen Berichte in der Dakota Rundschau, die guten Korrespondenten wie Kurz und Frank aus Süd-Rußland, die immer so viel Neues bringen und von vielen anderen Berichterstattern der geschätzten „Dakota Rundschau“. Auch wurde erwähnt, daß die „Dakota Rundschau“ viel lehrreiches bringt und wenn man die Zeitung in die Hand nimmt, hat man auch was zu lesen. Die Zeit verging schnell, in Ackerman angekommen, mußte jeder seinem Geschäft nachgehen.
Als ich diese Zeit zu Hause abwesend war, passierte eine Geschichte, bei welcher die ganze Nachbarschaft zusammengerufen wurde, und nämlich: Bei Anton Speicher klopfte jemand um 3 Uhr Morgens an der Tür. Er stand auf um zu sehen, was los ist. Aber als er zur Tür kam, sah er, daß die Scheune aufstand; weckte sogleich seinen Sohn und gingen zusammen, die Sache zu untersuchen. Als sie zur Scheunentür kamen, riefen sie zuerst deutsch –„Wer ist da?“, es folgte keine Antwort, dann russisch. Da folgte die Antwort: „Ra schto ti svraschiwaesch? (Wozu fragst Du?)“. Sie gingen zur Tür hinein und der Russe heraus. Die zwei konnten mit dem Menschen allein nicht fertig werden, mußten die Nachbarn zu Hilfe rufen und Wache stehen, bis der Dorfpolizist Schef kam. Es kostete viel Mühe, den Menschen festzunehmen. Von der Bühne aus kamen Stücke Eisen und Holz geflogen. Endlich feuerte der Schef zwei Schüsse auf die Bühne durchs Ziegeldach. Michael Ternes zeigte sich bei dieser Geschichte sehr tapfer, wagte sich auf die Bühne zu steigen, obwohl er schon beim Hinaufsteigen 2 Hiebe auf die linke Hand bekam, daß er es bis heute noch gut fühlt, gab aber nicht nach und erreichte den Menschen in der Dunkelheit. Es war ein Irrsinniger. Letzterer wurde festgenommen und abgeliefert, wohin solch ein Mensch gehört.
Zum Schluß grüße ich alle Leser hüben und drüben und auch die Redaktion und wünsche allen ein glückliches neues Jahr und der Redaktion recht viele Leser.
Mit Gruß
Joseph M. Braun.