Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Aus Kraßna, Bessarabien,
den 13. Oktober 1929
Werter Herr Redakteur Brendel!
Diesmal hätte ich mehr Neues zur berichten als sonst, doch darunter ist nicht viel Gutes. Gestern hatten wir den ganzen Tag Regen. und es wird aber doch nicht genug sein, um die Wintersaat zu bestellen, denn ausgesät ist bis daher noch nichts.
Ein abschreckendes Unglück passierte mit Simon Schilgowsky, Sohn des Heinrich, der sich am 8. Oktober in seinem Hühnerstall erhängte. Die Ursache ist, daß er Ludwig Braun auf dem Felde eine Garbe Gerste stahl, und er am 8. Oktober des Diebstahles halber vors Gericht kommen sollte. Das machte auf den Menschen einen solchen Eindruck, daß er an sich Hand anlegte. Er war schon früher gestört, also von Sinnen. Um 10 Uhr, zur Betglockzeit, wurde er ohne Gesang und ohne Klang beerdigt. Ein sehr trauriger Fall, der schon längst nicht mehr in Kraßna passierte. Der Unglückliche war 43 Jahre alt und hinterließ seine Frau und fünf Kinder.
Am 11. Oktober hätte ein großes Unglück durch Feuer entstehen können. Unser Eiskeller, der ein Rohrdach hat, fing an zu brennen, und als der Brand gelöscht war, fing das Stroh der Unterdorf-Halbgemeinde an zu brennen, ein Schober von 3 ½ Faden lang und 1 ½ breit. Es liegt hier eine böswillige Brandstiftung vor, denn das Stroh ist 25 Faden vom Keller entfernt, so daß Feuer nicht hinkommen konnte und dabei wehte der Wind von der anderen Seite. Die Leute liefen aber rasch zusammen, und nach zwei Stunden war das Feuer unter Kontrolle gebracht. Um eine Arschin, und es wäre ein ganzes Zehntel Schober und Häuser in Flammen aufgegangen. Alles war da aber auf den Beinen, ja sogar unser Pater trug Wasser und ordnete an. Ein schönes Beispiel, wo keiner verschont bleibt und alles zusammen hilft.
Am 2. Oktober starb der alte Mathias Folk als Witwer.
Durch die gute Ernte vermehren sich die Wirtschaftsgeräte im Dorf. Kürzlich kauften sich Rochus Fenrich und Joseph Reimann je einen International Traktor, wofür sie jeder 220.000 Lei bezahlten. Es ist dies eine gute Sache, die natürlich auch verstanden sein muß, denn sonst könnte man fortfahren und zu Fuß wieder heim laufen.
Getraut wurden Anton, Sohn des verstorbenen Ignatz Folk, mit der Tochter des Ignatz Becker, Elisabetha, am 2. Oktober, und am 8. Oktober Justinus, Sohn des verstorbenen Georg Ruschansky, mit der Tochter des Sebastian Koch, Gertrude. Beiden Paaren recht viel Glück!
Mit der Welschkornernte sind wir fertig, und jetzt werden mit aller Gewalt die Stengel heimgefahren. Hätte jemand Ende Juli oder anfangs August gesagt, daß wir so viel Welschkorn bekommen, so hätte es niemand geglaubt, denn es hatte den Sommer über niemals ordentlich geregnet. Wir ernteten 80 - 90 Pud durchschnittlich.
(Die folgende Fortsetzung der Beschreibung des Dorfes habe ich aus den einzelnen Fortsetzungen gesondert zusammengefasst / Wingenbach Auszug aus der „Dakota Rundschau“ 24. Mai 1929 - 30. Mai 1930)
Zum Schluß möchte ich unsere Kraßnaer Landsleute darauf aufmerksam, daß ich alle vorkommenden Neuigkeiten von hier und Umgegend in der Dakota Rundschau, die wir hier im Dorf regelmäßig bekommen, berichten werden. Ich bitte alle diejenigen. die das Blatt noch nicht beziehen sollten, darauf aufmerksam zu machen. Es wäre von größtem Interesse für alle Krasnaer, wenn man an mich Fragen richten würde, das durch Briefe oder auch durch die Zeitung selbst, denn alles, was in der Zeitung gebracht wird, bekommen wir zu hören. Auf diesem Wege würden die Leser kund tun, worüber sie Interesse haben. Wenn jemand seinem Freund die Zeitung zusenden kann, z. B. als Weihnachtsgeschenk, so tut er damit dem Betreffenden eine große Freude bereiten.
An die Redaktion und Leser die besten Grüße.
Joseph Braun.