Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 14. Nov. 1930
Geehrter Herr Redakteur Brendel:
Die Bauern warten mit Sehnsucht auf einen durchweichenden Regen, der aber immer noch nicht kommen will. Am 9. Nov. ging etwas Regen nieder, aber nicht genügend.
Am 9. November starb die Witwe Katharina Haag im Alter von 74 Jahren, das ihrem Sohn Zyrillus Haag in Bismarck zur Nachricht diene. Am 10. Nov. segnete Karl Soehn im Alter von 47 Jahren das Zeitliche, der Frau und 4 ledige Kinder hinterließ. Gott gebe ihnen die ewige Ruhe.
Getraut wurden: Sohn des Thomas Folk, Joseph, mit der Tochter von Zachaeus Dirk, Theresia, Sohn des Konrad Folk, Johannes, mit der Tochter von Martin Weber, Agnesia, Sohn des Narzisius Kuß, Peter, mit der Tochter des Martin Weber, Apollonia. Den jungen Paaren recht viel Glück in dem Ehestand.
Herr Felix Braun bat mich, durch die Zeitung seinen Bruder Zachaeus Braun in Strasburg, N. D., zu grüßen, bittet um ein Lebenszeichen, daß hier alles in Ordnung sei und würde den Zachaeus freundlich bitten, daß er ihm die Dakota Rundschau auf ein Jahr zusenden möge, wofür er im voraus bestens danken tät.
Wir Kraßnaer haben Zigeuner im Dorf, denn es verschwinden Hühner, Tauben und dgl. Als ein Russe dieser Tage auf einem Hof anhielt, sich eine Zeit im Zimmer aufhielt, fand er einen Teil seines Roßgeschirrs und Gerste vom Wagen gestohlen. Vergebens suchte man danach.
Kürzlich waren unsere Wagenhändler in Walentirowka auf dem Markt, das 50 Werst von Kraßna abliegt. Auf dem Rückwege mußten sie natürlich in Kloestiz anhalten, da ein Gläschen Wein zu trinken. Die Kompanie war groß, die Meinungen und Charaktere verschieden, und da nach einem Gläschen das zweite, dritte, vierte u. 5. w. folgte, so mußte auch Streit kommen. Einer unserer Juden, dem Reßl sein Arl, der im Kriege ein Bein verlor, war auch dabei, saß ruhig am Tisch und aß Schweinewurst und trank mit. Der Arl bekam einen Schlag versetzt, daß der vom Stuhl fiel; er schrie um Hilfe: „Jeses, Maria und Josef, hl. Mutter Gottes, steh mir bei“. „Was rufschst du unsere Heilige an? Warum rufschst nit dein Messias an?“ frug wieder aufgeregt ein anderer und versetzte dem Arl wiederum Hiebe. Das Ende von all dem war, daß man mit leichten Messerstichen und mit verwundeten Köpfen nach Hause fuhr.
Herr Johannes Kuntz läßt seinen Bruder Martin Kuntz in Raleigh, N. D., wie auch seine Kinder grüßen und bittet den Martin, wie auch Söhne, daß sie so freundlich sein wollen, ihm die Dakota Rundschau auf ein Jahr zu bestellen, wofür er im voraus dankt, denn die Dakota Rundschau kommt regelmäßig hier an, und jeder möchte sie am liebsten lesen.
Auf diesem Wege grüße ich auch meinen Onkel Anton und Tante Elisabetha Theres, samt Söhnen bei Ipswich, S. D., wie auch meine Geschwisterkinder Adam, Augustin und Andreas Braun dortselbst. Mögen sich die Herren auch mal hören lassen und meine Briefe beantworten.
Besten Gruß an die Redaktion und alle Leser hüben und drüben,
Joseph Braun.