Deutsch
Bismarck, Nord Dakota
vom 12.09.1928
Aus der alten Heimat
Kraßna, Bessarabien
den 12. August 1928
Geehrte Redaktion!
Teile mit, daß die Ernte und auch die Dreschzeit schon vorüber sind, Wir erhielten im Durchschnitt 6 Pud von der Deßjatine. Recht schlechte und traurige Aussichten bis zur kommenden Ernte. Da der Getreidevorrat im Frühjahr gänzlich verkauft wurde und hier nichts zu haben ist, so wurden die Preise sehr hoch hinaufgeschraubt. Für den Weizen zahlt man 170 Lei, Gerste 75 und Kartoffeln sind bis jetzt keine auf dem Markt zu haben. Solche sind nur von anderen Stellen zu erwarten.
Der Büttel hat bei uns die Gemeinde zusammengeschellt, um Rat zu schaffen, woher das nötige Brot zu nehmen sei. Nicht allein Kraßna, sondern auch die ganze Umgebung ist ohne Brotvorrat. Wir waren auch 1924-25 in einer kritischen Lage und dank unseres Paters wurde Linderung geschaffen, der dazu beitrug, daß die „Temesvarer Bank“ eine halbe Million Lei borgte, weiches Geld uns viel aushalf.
Als Beamte haben wir im Dorf:
Pater Leibham, stammt aus Franzfeld und bekommt 5000 Lei pro Monat. Küster ist Felitian Glas aus der Bukowina mit 2500 Lei. Oberschulz ist Maximilian Marthe 600 Lei pro Monat. Sein Kandidat ist der Isidor Leinz, ohne Gehalt. Es ist heute bei uns nicht so, wie früher, daß die Gemeinde ohne Erlaubnis zusammen kommen kann. Es wird jetzt ein Konsilium gewählt aus sieben Mann. Solche sind: Viktor Nagel, Sebastian Koch, Maximilian Hein, Erasmus Schreiber, Johannes Harsche, Lazarus Volk und Adolf Furch. Das sind die Richter, oder die ganze Gemeinde und wenn die was beschließen, so ist es für die ganze Gemeinde eine Pflicht.
Als Schreiber haben wir einen Rumänen Konstantin Etrika mit einem Lohn von 3000 Lei den Monat. Der Büttel ist Michael Seifert mit 2000 Lei pro Monat.
Unweit Kraßna, 7 Werst davon, ist ein Unglück passiert. Soldaten und Zivilleute arbeiten da an Ausbesserung des Telefons, wobei ein Soldat, der mit anderen am Bach badete, ertrank.
Es sind ja noch andere Dorfneuigkeiten, die man hierselbst schlichtet oder auch dem Gericht übergeben werden. Wie z. B. Haferstehlen auf dem Felde, Leinen vom Hof weggestohlen, Heu und sonstige Diebereien, die nicht schön ausgucken, aber auch gerade nicht als Zeitungsmaterial passen. Ich meine damit, daß man nicht immer gut tut, wenn man den Mann der Aussage halber durch die Zeitung blamiert, die vielleicht auf Unwahrheit beruhen könnte. Wenn dann das Gericht schon sein Urteil gesprochen hat und den Einen oder den Anderen hinter Schloß und Riegel setzte, so haben diese schon damit genug und können diese Zeit nachdenken sich für die Zukunft zu bessern.
Ich denke eben, daß in dieser großen Not mancher Mensch einen kleinen Diebstahl begeht, wie Futter stehlen auf dem Felde, das vielleicht nur ein rechter Wisch ausmachte und man bei besseren Jahren gar nicht beachten würde, heute aber als einen großen Diebstahl brandmarkt. Das Gebot Gottes lautet natürlich: Du darfst nicht stehlen.
Mit bestem Gruß
Joseph Braun.