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Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 8. Januar
Sehr geehrter Herr Redakteur Brendel!
Am 11. Dezember fing es an zu regnen und setzte bis zum 18. Dez. fort, wo dann Kälte einsetzte. In kurzer Zeit waren Bäume und alles andere mit einer Eisschicht überzogen. Die Bäume brachen zum Teil ganz und zum Teil einzelne Aeste von der großen Eislast zusammen, die Telephon- und Telegraphendrähte fielen herunter. Welch großen Schaden das Glatteis angerichtet hat wird man erst zum Frühjahr feststellen können, wenn man sich dann die Aussaaten, Wein- und Baumgärten ansehen wird. Aeltere Leute können sich an einen solchen starken Eisfall nicht erinnern. Am 20. Dez. fiel Schnee auf das Eis, so daß es sehr schwer zu gehen war.
Am 21. Dez. wurde unsere neue Glocke auf den Kirchturm gebracht und auf der Stelle der alten Glocke aufgehängt. Dieselbe kostet 55.000 Lei. Die ganze Bevölkerung fand sich hier ein und guckte zu. Die Glocke hat den Ton, wie die frühere nur eine Kleinigkeit feiner.
Auf einer Gemeindeversammlung am 29. Dez. wurden gewählt: Als Küster wieder Edmund Gansky, der 2000 Lei Monatsgehalt bekommen wird, Sotzki Johannes Kopp vom Oberdorf und Joseph Bunikowsky vom Unterdorf ohne Gehalt; Schütze Georg Jos. Paul, bekommt 800 Lei pro Monat; als Wache Alex. Meer, Benedikt Tschißmack und Jakob Jos. Paul, ein jeder 700 Lei pro Monat. Zu seinem Gehalt bekommt der Küster noch 6 Hektar Kirchenland.
Als Kirchenväter wurden die alten wiedergewählt, nämlich: Michael Koch und Heinrich Müller und als Kandidaten: Joseph Klem. Folk u. Maxmil. Haag. Bei den Knaben ist Reimund Schaeffer bei den Burschen Joseph Lor. Riehl, bei den kleinen Mädchen Michael Wingenbach und bei den großen Mädchen Kasper Soehn. Auf dem Chor sind: Kasper Gedak und Eusebius Herrmann. Mögen obengenannte ihre Ämter zum Wohl der Gemeinde versehen.
Eduard Ruscheinsky von hier, ein früherer Seminarist in Saratow, läßt Herrn Brendel freundlichst grüßen. Er erzählte mir, daß er oft bei Ihnen im Geschäft war, dort Bücher kaufte und er noch von Ihren Büchern habe. Er gab seiner Freude damit Ausdruck, daß Herr Brendel als Redakteur einer deutschen Zeitung in Amerika tätig ist, wo er ihn doch noch in Saratow sah, als die Bolschewisten dort hausten, wünscht Ihnen ein glückliches Neujahr und recht großen Erfolg mit Ihrer Zeitung. (Übergeben Sie Herrn Ruscheinsky meinen Besten Dank und Gruß. J.B.)
Wenn es Glatteis gibt, wie es bei uns der Fall war, so machen sich die Jäger gerne auf die Trappenjagd, denn die schmackhaften großen Vögel sind dann zusammengefroren und können nicht fliegen, so daß die Jagd öfters recht erfolgreich ist. Zwei unserer Jäger, Alex Ternes und Heinrich Heinz machten sich am Morgen hinaus ins Nötental, das zwischen Kraßna und Kloestiz liegt, da eine gelungene Trappenjagd zu machen. Sie sehen 4 solch große Kerls, fahren stramm auf sie zu, sehen aber bald, daß dies keine Trappen, sondern Adler sind und wenn man keine Trappen hat, so muß man halt den König der Raubvögel heimbringen. Der Heinrich warf einen auf den Wagen, machte sich auf dem vorderen Sitz eine Zigarette und zündete sie an. Beim Anzünden des Streichholzes zeigte der Adler mehr Leben. „Du willscht wohl a ans räche“, meinte der Heinrich und suchte den Adler weiter vom Sitz zu schieben. Der Adler erwischte mit seinen Krallen Heinrichs Hand und durchstach ihm den Goldfinger, der bis heute noch zugebunden ist. Mit den Krallen seines anderen Beines griff er den Heinrich am Kittel an. Es gab eine heikle Arbeit, sich von den Krallen des Adlers zu befreien, damit die zwei Jäger zu tun hatten.
Den Lesern hüben und drüben, wie auch der Redaktion, besten Gruß und ein glückliches Neujahr.
Joseph Braun.