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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 14. Dezember 1911

Film 11463, Vol. 6, No. 20, Page 2

Krasna, Bessarabien November 1. 1911

Da aus dieser Gegend im Blatte wenig berichtet wird, will ich einige Neuigkeiten einsenden.

Letzten April schrieb ich etwas von meinem Freund Pius Tischner und dem alten Wagenmucker. Er versprach mir, sich auf allen Märkten brav zu halten, was er auch für eine zeitlang hielt. Doch vergaß er sich wieder und fing die Lumperei wieder an. Am 31. Oktober fuhr er auf den Arzieser Markt oder Bazar und kaufte zwei alte Wagen. Jetzt mußte Manchogritsch gemacht werden und wurde des Guten zuviel gethan und mehr als ein Gläschen über den Durst getrunken und auf dem Heimwege verlor er einen Wagen. Da starker Nebel war, ging das Suchen schlecht, denn er war vom Wege abgekommen. Endlich fand er den richtigen Weg wieder und trieb seinem Wohnorte zu. Am nächsten Morgen dann, als sich der Nebel gehoben, fand er auch seinen Wagen wieder, nachdem es in der Nacht daheim ordentlich geblitzt und gedonnert hatte im Hause von Seiten seiner besseren Ehehälfte.

Am 23. Okt. verstarb Joseph M. Rühl, eine tiefbetrübte Witwe mit 7 Kindern zurücklassend. Er erreichte ein Alter von 46 Jahren. Den trauernden Hinterbliebenen spreche ich das herzlichste Beileid aus.

Zachäus Fenrich in der Kolonie im Oktober zwei Pferde gestohlen und wurden die Diebe verfolgt bis St. Kauschan, wo sie der Polizei gemeldet wurden, doch war diese zu langsam und konnten sich die Halunken noch zeitig aus dem Staube machen.

Die Witterung ist bei uns bis jetzt noch immer schön und warm, aber leider zu trocken, so daß es mit den Wintersaaten sehr traurig aussieht.

Gruß an Schwester Theresa und Kinder in Maple Creek, Sask. Canada, und an alle Verwandten und Bekannten in Amerika.

Anton Gedak.


Krassna, Bessarabien November 8. 1911

Schon oft las ich dieses Blatt bei meinen Freunden und Bekannten und borgte es auch von meinem Schwager Zachäus Kopp, um den Inhalt zu studiren. Ich hoffe jetzt auch ein Leser des Blattes zu werden und habe mich schon lange mit dem Gedanken getragen, einmal etwas zu schreiben für den Staats-Anzeiger. Mein Schwager Joseph Kopp in Amerika, welcher auch ein Leser dieses Blattes ist, hat mir versprochen, sich das Vergnügen zu machen, der Redaktion diesbezüglich zu berichten. Der Betrag für ein Jahr ist schon per Post abgegangen.

Der November ist da. Die Zugvögel haben uns schon lange verlassen die Bäume stehen entlaubt da und warten ihres Wintermantels. Auch die Stadtuhr sieht schon ganz winterlich aus. Kalter Wind braust vom Norden her. Regen hatten wir schon lange keinen mehr und die Wintersaaten stehen ganz traurig da, so daß man vielerorts die Hoffnung schon aufgiebt, etwas aus dieser Saat zu ernten. Es wird sich ja im Frühjahr zeigen, wie es damit steht.

Gruß an meinen Schwager Barnabas Steirt in Amerika, vielleicht ist er auch ein Leser dieses Blattes, und Gruß an die Schwäger Joseph Peter Reinhold und Adolf Kopp und Mutter, und hoffe, daß diese Zeilen sie gesund antreffen, wie sie uns verlassen, mit Ausnahme unseres kleinen Sohnes Lazarus, der erkrankt ist. Wir sind aber der guten Hoffnung, daß es bald wieder besser mit ihm wird.

Melchior Weber.


Emmenthal, Bessarabien
November 4. 1911

Der 1. November bringt hier im Süden gewöhnlich den Winter, heute aber ist schon der 4. und die Wintersaat liegt immer noch still in trockener Erde. Die Wintersaaten sind schon lange beendet, bei trockener Witterung und harren auf einen durchweichenden Regen, um sich vor dem Winter noch gut anzuwurzeln. Aber alles Harren auf Regen ist vergebens, und seit 14 Tagen haben wir ziemlich starke Nachtfröste, was die Wintersaat zurückhielt im Wachsthum und dieselbe an vielen Stellen ganz verschwindet. Sollte kurz über lang kein Regen kommen, und der unfreundliche Gast Winter mit trockener Kälter über uns herfallen, so ist es mit der Wintersaat beendlich. Der Bauer tröstet sich von Jahr zu Jahr auf eine zufriedene Ernte, um sich mal aus einer oder anderen Enge zu haspeln, aber es will auf keine Weise gehen. Dieses Jahr hatten wir eine ziemlich befriedigende Ernte hinterließ aber Vieles zu bestreiten und kommt die erhoffte gute Ernte nicht, so geht mit dem armen Bauer wie mit dem Geschäftsmann immer tiefer hinein.

Nach der heurigen Ernte heißt es: Gebrauch Vorsicht und geht nicht zu tief in einen hinreißenden Fluß, wenn du nicht sichere Rettung hast, denn er kann dich in die Tiefe ziehen.

Die Nord-Dakotaer haben das, was sie heute wissen, vor zwei Jahren auch nicht gewußt. Vor zwei Jahren herrschte unter ihnen ein ganz anderes Leben als heute; es trieb eine Nachricht die andere, daß man da gar keine Noth kenne und daß Der und Jener, welcher vor vier oder fünf Jahren von hier blutarm dort anlangte, jetzt schon so und so viel Vieh, Pferde und Wagen habe, und trieb man damit solche Hitze in die Adern der Zurückgbliebenen, daß beinahe ein Jeder von hier Alles verlieren wollte und nach Amerika ziehen.

Heute aber ist aus Nord-Dakota ganz wenig zu hören und wenn Einer etwas von sich hören läßt, so singt er wiederum das Lied, welches er vor ein paar Jahren hier gesungen hat.

Ueberall kann es so gehen, wenn man ohne Rechnung Schulden macht; aber wohl dem, der darin Vorsicht gebraucht.

Mein lieber Landsmann und Dorfsmann! Denke nicht, daß ich und du allein in solcher Enge sind, auch die Amerikaner stehen uns gleich.

Mancher meiner Dorfsmänner hatte vielleicht Gelegenheit, in No. 43 dieses Blattes zu finden, daß in einer oder der anderen Beschreibung auch der Kainaer Bazar in Erwähnung gebracht ist und denkt sich, daß das für die Emmenthaler als Herabsetzung gelten soll. Solche Auffassungen sind im Grunde nicht am Platz, weil der ganze Artikel in sich nicht im Geringsten persönlich kompromitirt. Wenn ich als Verfasser meinen Namen und Wohnort beifüge, und die Sache allgemein gehalten ist, so kann es nicht persönlich unseren Dorfsleuten gelten.

Hier will ich etwas folgen lassen von einem Manne, vor dem die Welt Respekt hatte. Vielleicht giebt es da auch der Eine oder Andere, der behauptet, das sei auf seine Person abgesehen, und das war Pater Abraham, einer der hervorragendsten Prediger des 18. Jahrhunderts.

Das böse Weib.

Es ist besser, in der Wüste sich aufzuhalten bei giftigen Basilisken, bei schrecklichen Drachen, bei schädlichen Krokodilen, bei blutgierigen Tigern, bei zornigen Löwen, Bären und Wölfen, als bei einem bösen Weib. Ein böses Weib ist ein Schiffbruch ihres Mannes, ist ein steter Wetterhahn im Haus, ist eine übellautende Klapper, ist ein fränkischer Stiefelbalg, den man fast alleweil schmieren soll, ist ein Zugpflaster des Geldbeutels, ist eine Quartierstube aller Bosheit, ein Kirchhof der guten Tage, ist eine giftige Schlange, ein übler Sauerampfer, ein ewiger Blas-mich-an, eine Kommissarin der drei Frauen, das letzte Gesätzel im Vaterunser: „Erlöse uns von allen Uebeln“, ist ein höllischer Brennspiegel, ist der Fröhlichkeit Kehraus, ist ein stets summendes Wespennest, ist eine Haspel der Ungelegenheiten, ist ein Jahrmarkt der Zankwärter, ist, ist, ist, ist, daß man's nicht sattsam beschreiben kann.

Ein zänkisches Weib ist eine Hausposanne, die ihrem Mann als Beichtspiegel dient. O Gott, wie ungestüm ist eine solche Hausposanne, wie verdrießlich eine solche Tafelmusik, wie unleidlich solches Kammer-Echo!…

Mann könnte meinen, als habe sie einmal einen Gockelhahn geschluckt, der ihr nun allezeit aus dem Halse kräht, und muß sie allezeit das letzte Kyrie Eleison haben- O Gott, sagt der Mann, es ist jammerschade, meine Kunigund, daß du kein Trompeter geworden, du hättest einen hübschen langen Athem gehabt zum Klarinett spielen.

Auch dem Kaiser Leopold dem Ersten hat Peter Abraham die Wahrheit gesagt und doch behielt er ihn als Hofprediger.

Verheirathen werden sich diese Woche in Emmenthal: Elias Maas von Johannes mit Teofilia Müller von Mathias, und Melchior Seifert von Anton mit Eva Baumann von Johannes.

Außerdem hat sich Eduard Löb am 2. Nov. durch Unvorsichtigkeit eine Revolverkugel durch die linke Hand geschossen und befindet er sich zur Heilung im Hospital zu Taraklia.

Bei Zachäus Fenrich kehrte vorige Woche der Langbein ein und brachte ihm einen gesunden Nachfolger. Die Taufe haben wir am 30. Okt. fröhlich gefeiert.

Mit Gruß

R. Dirk.


Emmenthal, Bessarabien
November 8. 1911

In No. 5 dieses Blattes hatte ich das Glück zu erfahren, wo mein Schwager Jakob Marthaler sich in Amerika befindet. Die Adresse von ihm hat mir ein gewisser Georg Martin gegeben, kann aber den Inhalt seines Berichts nicht klar verstehen und bitte ich G. Martin, mir die Verhältnisse der Schwägerschaft näher zu beschreiben, da es heißt: „Und ich bin sein Schwager“. Doch bevor ich nähere Auskunft habe, muß ich G. Martin melden, daß ich meinem Schwager Marthaler per Post meine Photographie gesandt habe ohne einen Brief und wenn er dieselbe erhalten hat, bitte ich ihn, mir einen Brief schreiben zu wollen unter folgender Adresse: South Rußland, Bessarabien, Post Kainari, Dorf Emmenthal, Romuald Dirk.

Und nach Erhalt eines Briefes werde ich ihm auch einen Schreiben.

Mit herzlichem Gruß an meinen Schwager Jakob Marthaler und an alle Freunde und Bekannten sowie an den Leserkreis.

Romuald Dirk.

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