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Film 11463, Vol. 6, No. 19, Page 2
Emmenthal, Bessarabien Oktober 20, 1911
Die Erklärung des Vetter Christian an die jungen Leute in Emmenthal, erschien in Eurem Blatte, was ein Beweis ist, daß die Fortsetzungen bald folgen werden. Die Auffassung des Vetter Christian habe ich vollkommen im Schwarzen notirt; da aber bei mir wieder die rechte Hand noch von der Schwarzblase her eine neue Entzündung bekam, so war es mir nicht möglich, die Fortsetzungen nach Regel zu bringen, darum bitte ich die Leser um Entschuldigung.
Ein freigeborener Mann sollte sich nie schämen oder fürchten, irgend einem Lebenden ins Gesicht zu sehen oder ihn anzureden. Aber die Noth raubt manchen Menschen alle Geistes- und Willenkraft. Ein leerer Sack kann nicht wohl aufrecht stehen. Was würdet ihr von einem Kaiser oder von einer Regierung halten, die ein förmliches Verbot erließe, daß keiner von euch sich wie eine Person von Stande kleiden sollte, bei Strafe der Gefangenschaft oder Knechtschaft?
Würdet ihr nicht sagen, ihr seiet freie Leute, könnet euch kleiden nach eurem Belieben; ein solches Gesetz sei ein Eingriff in eure Rechte und eine solche Regierung sei tyrannisch? Und doch seid ihr in Begriff gegen euch selbst nicht weniger tyrannisch zu fahren, wenn ihr solcher Kleider wegen euch in Schulden setzt.
Der euch borgt, der kann euch nach Gefallen die Freiheit nehmen; er kann euch jedesmal, wenn der Termin da ist, alles nehmen. Eure Weiber und eure Kinder machen sich nicht im geringsten eine Ahnung, daß der Vater im Augenblick da stehen kann wie eine Kirchenmaus. Die Frau und die Kinder sagen nur, der Vater muß auch kaufen; wenn der Joseph und Michael kaufen kann, so muß er auch kaufen, damit wir auch so dahergehen wie sie. Aber die Schulden bezahlen ist in Vergessenheit gerathen.
Aber vergesset nicht, der Borger nicht so denkt. Dessen Gedächtniß ist besser als eueres: denn die da borgen, sind von einer gläubigen Sekte, sie beobachten jeden Tag im Kalender und die Forderung ist fällig bevor ihr euch's vorsieht.
Oder wenn auch die Schuld euch im Kopfe herumgeht, so wird doch der Anfangs so lange erscheinende Termin euch zuletzt sehr kurz vorkommen. Dessen Schuld zu Ostern fällig ist, hat kurz Fasten, wie gewöhnlich der Milchseppel sagt.
Bis Abends glänzt kein Morgen roth,
Darum spar bei Zeiten für Alter und Noth.
Der Gewinn kann vorübergehend und ungewiß sein, aber die Ausgaben sind dauernd und nur allzugewiß. Besser ist's, ohne Abendessen zu Bette zu gehen, als mit Schulden wieder auf steigen.
Erwirb dir, was du kannst, und was du hast, halt fest,
Dann weißt du, wie sich Blei in Gold verwandeln läßt.
Viertens: Das, liebe Freunde sind Erfahrungen: aber dennoch rathe ich euch, nicht gar zu viel auf eure eigene Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Klugheit zu halten. So vortrefflich diese Dinge auch sind, so können sie doch alle wie Seifenblasen vergehen, wenn der Segen des Himmels nicht dabei ist. Ich muß die Sache jetzt kurz machen. Die Erfahrung ist der theuerste Lehrmeister, wir können wohl den Rath geben, aber nicht die That. Doch merkt euch das, wo der Rath vergebens klopft, ist der Hilfe die Thür verschlossen, und endlich:
Willst du der Vernunft dein Ohr verstopfen,
Wird sie dir bald auf die Finger klopfen.
So schloß der Vetter Christian seine Rede und die Leute lobten ihn. Aber als die Versteigerung angefangen hatte, ging es wieder nach dem alten Liede, denn sie kauften wieder drauflos und die Rede des Vetters Christian war ihnen wie eine gewöhnliche Predigt.
Ich meines Theils beschloß jedoch, dieses Echo nicht unbenutzt verhallen zu lassen und obschon ich vorher willens war, mir Zeug zu einem neuen Kittel zu kaufen, ging ich meiner Wege mit dem Entschluß, den alten noch etwas länger zu tragen. Wenn du, lieber Leser, es ebenso machen willst, so wirst du nicht weniger Vortheil daran haben als dein stets dienstwilliger Romuald.
Guter alter Freund Anton Jochim zu Harvey, N. D.!
Durch die Redaktion des Staats-Anzeiger habe ich erfahren, daß Du in Harvey Dich befindest und hast vielleicht schon Manches im Staats-Anzeiger aus meiner Feder gelesen und doch läßt Du nichts von Dir hören. Ich meine, es kann gar nicht sein, daß du die Feder niedergelegt hast, besonders noch für einen alten Schulkameraden und in letzterer Zeit Lehrerkollege. Hoffe durch diese kleine Nachricht Dich wieder zur Feder zu bringen. Wärest Du einer, der sich vor der Feder fürchtete, da wollte ich mich über Dein Schweigen nicht wundern. Aber es ist doch einem Jeden im Chersonischen bekannt, daß die Feder Dir ein altes bekanntes Ding ist und hast dieselbe ganz verlassen. Wo ich nicht hinkomme in Deinem Bekanntenkreis, so kann mir keiner Deiner Bekannten und Freunde berichten, daß Du in Amerika bist, aber seither weiter noch nichts gehört haben.
Lebe auf, alter Freund, und lasse mal was hören, dann werden wir wieder Freunde werden wie vorhin. Grüße Deine Frau von mir und Frau. Ich habe zwei Töchter in Amerika verheirathet, an Ignatz Groß und Eduard Richter in Morton County, N. D. Wenn sich's thun läßt, besuche sie und grüße sie von uns.
Achtungsvoll
Romuald Dirk.
Emmenthal, den 25. Okt.
Das Ackern für Wintersaat ist schon lange beendet was aber darum wird, weiß der liebe Gott. Bei Beendigung derselben waren trockene Tage, so daß viel Saat ohne Feuchtigkeit unter der Erde auf Regen wartet und ist bis heute noch so. Bis jetzt hatten wir alle Tage helles Wetter bei starken Nachtfrösten, so daß das Welschkorn ganz trocken eingeheimst werden konnte; ist aber vieles nicht ausgereift. Man macht aber Vorbereitungen, dasselbe auf besonders dazu hergerichteten Oefen zu trocknen, sonst würde viel verderben. Für Kolben und reif ist das Pud 30 Kopeken, für Körner 55 Kop. Unreifes für Kolben 25 Kopeken, Körner 40.
Außer diesem gebe ich meinem Neffen Peter Januschaitis zu wissen, daß ich in Krasna betreffs seines väterlichen Vermögens war, konnte aber nichts bewerkstelligen wegen Abwesenheit seines Bruders Thomas. Doch habe ich durch das Dorfsamt und den Vormund erfahren, daß sein Antheil seinem Bruder übergeben ist und besteht nicht in Baargeld, sondern in Weingärten und nach beiläufiger Abschätzung müßte sein Bruder Thomas 100 Rbl. an ihn bezahlen.
Morgen, den 26. Okt., fahre ich wieder nach Kraßna und denke dann seinen Bruder zu Hause anzutreffen und will dann hören, wie seine Aussage ist.
In Kraßna ist kürzlich Joseph Riehl an einer Schwarzblase gestorben.
In Emmenthal sind am 16. auf den 17. Okt. zwei schöne Pferde gestohlen worden und bis heute ist noch keine Spur davon gefunden worden.
Gruß an alle meine Freunde und den Leserkreis.
Romuald Dirk.