Deutsch
Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 2. Sept
Sehr geehrter Herr Redakteur Brendel!
Einer der Flüchtlinge aus USSR aus dem Dorf Selz, Eugenius Vetsch, Sohn des Michael von Michael Vetsch, (Grausemichels), ist gestern hier in Kraßna eingetroffen. Der Kandler Flüchtling Schmalz soll nächste Tage kommen. Was mir Vetsch erzählte, ist alles haarsträubend. Es ist zum Lachen, wenn man über den Plan der Bolschewisten erzählen hört, und dann ist es wieder im höchsten Maße zu bedauern, wie grausam die Menschheit unter der Bolschewistenfuchtel zu leiden hat. Auf den russischen Dörfern im Kutschurgan sieht es so aus, wie das zerstörte Jerusalem. Alles, was oben war, ist unten, und was unten war, ist oben. Von Ausübung von Gerechtigkeit ist keine Rede mehr. Am meisten ist die Jugend zu bedauern, die man statt Gott den Anarchist anbeten läßt. Das höchste Gut wird mit Füßen getreten.
Beide Jungens sind in großer Not. Wir werden ihnen aber aushelfen, so weit es nur geht, denn wir haben auch noch Leute hier, die barmherzig sein können. Vetsch hat einen Bruder in Canada, Vibank, Sask., Pius Vetsch, der von dort bereits schon geschrieben hat und auch wohl für seinen Bruder Sorge tragen wird. Nächstens werde ich eine Beschreibung ihrer Flucht von Archangelsk zurück nach Selz und von da ihre Flucht über die rumänische Grenze bringen.
Nach schrecklichem Staub, wie in einer Sandwüste, haben wir jetzt etwas Feuchtigkeit bekommen, das aber doch nicht genug, um ackern zu können, denn es ist immer noch zu trocken. Es ist eine solche Trocknung, daß mancher Bauer nicht mal genug Wasser in seinem Brunnen fürs Vieh hat. Man reinigt die Brunnen, Wasser aber kommt doch keins. Auch an Trinkwasser fehlt´s, denn in Kraßna gibt´s wenig Brunnen, wo gutes Wasser zu haben ist. An den zwei Stoßbrunnen steht man an der Reihe, um Wasser zu bekommen.
Die Welschkornernte, auf die wir uns stark verließen, ist sehr schwach ausgefallen; ist durch die große Hitze zusammengebrannt, und die Feldmäuse machten auch Schaden daran.
Die Getreidepreise sind schwankend: für Gerste zahlt man 27, Bobschoi 57 und Raps 62 Lei pro Pud.
Herr Peter Haron Soehn läßt seine Kameraden Anselmus und Eduard Ternes in Raleigh, N. D. grüßen und würde im Voraus herzlich danken, wenn sie ihm die Dakota Rundschau zusenden würden, auf ein Jahr wenigstens, denn die wird in Bessarabien regelmäßig erhalten und gefällt am meisten.
Mutter und Brüder des Joh. Miller in Mondebele, Brasil., grüßen, bitten um welches Schreiben und teilen mit, daß sie gesund sind,
Gruß an die Redaktion und die Leser hüben u. drüben.
Joseph Braun
Kurzes Schreiben eines Flüchtlings
Kraßna, den 2. Sept.´30
Sehr geehrter Herr Brendel!
Es sind nun schon drei Monate, seitdem ich mit meinem Kollegen Schmalz aus der alten Heimat hierher nach Bessarabien flüchtete. Es war schwer, zwei Monate in der Gefangenschaft zuzubringen, der dritte Monat aber war für uns etwas Neues. Wir trafen hier in Bessarabien, wo wir uns jetzt unter unseren Deutschen wieder befinden, Freiheit an. Die Menschen sind frei in ihrer Arbeit und überhaupt in ihrem Handeln, dasselbe auch in der Religionsfrage. Das ist für uns neu, und wir fühlen uns als freie Menschen mit den anderen zusammen. In Rußland aber ist es nicht so; da sind nach dem Ural, nach Archangelsk, nach Sibirien verschickt, wo die Leute zugrunde gehen müssen. Ich kann mich noch erinnern an den Tag ihrer Abreise im Jahre 1927 und stellte mir oft die Frage, warum nicht alle Deutschen damals wegzogen, denn heute ist das gänzlich unmöglich. Würden die Bolschewisten auswandern lassen, so täten nicht nur alle Deutschen, sondern auch ganze Russendörfer würden wegziehen, fort über die Grenze. Auf den deutschen Dörfern sieht es sehr traurig aus. Alle, die man nicht weggeschickt hat, mußten in die Kollektive gehen und dort arbeiten. Ich befinde mich jetzt bei Herrn Joseph Braun, der mir gegenüber sehr zuvorkommend und liebenswürdig ist. Habe von meinem Bruder Pius aus Vibank, Sask., einen Brief bekommen und werde wohl sicher dorthin reisen.
Die besten Grüße
Eugenius Vetsch.