Deutsch
Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 5. Juni 1931
Sehr geehrter Hr. Redakteur Brendel!
Trotzdem es bis heute nicht geregnet hat, steht das Getreide immer noch schön, fängt an gelblich zu werden, und wenn es in 8 Tagen nicht regnet, kann es eine Fehlernte geben. Nach dem Norden zu hat es geregnet, das an unserem Bach zu sehen ist, bei uns aber hat sich Handel und Wandel wieder eingestellt.
Am 20. Mai ist Frau Kornelius Koch, geb. Bertha Steiert, gestorben, war in den Fünfziger und hinterließ ihren Gatten mit einer gesegneten Kinderschar. Am 29. Mai segnete Theresa geb. Fleckenstein, die an einen Russen aus Damur verheiratet war, im Tarutinoer Hospital das Zeitliche, ihren Gatten und 3 Kinder hinterlassend. Der Herr gebe beiden die ewige Ruhe.
Zur Staatswahl wurden hier große Propaganden getrieben. Die Wahlzettel lagen auf der Straße herum, und Autos brummten den ganzen Tag, und am 29. Mai flog sogar ein Luftzeug, das Wahlzettel herunterwarf Die Kinder liefen sich ihre Herzen ab, um die Papiere aufzufangen, die hoch von der Höhe herunterkamen.
Am 1. Juni ging´s nach Tarutino zur Wahl, die ganz gut ablief Zur Heimfahrt haben sich die jungen Männer wiederum ausgezeichnet, die zu tief ins Glas guckten und sich balgten. Es ist so, wie Sie, Herr Brendel, eine Bemerkung zu meiner Korrespondenz machten: Wie der Vater so der Sohn, wie die Mutter so die Tochter. Statt eine Bibliothek im Dorf haben wir eine himmelgroße Weinschenke, und statt eines Musikorchesters haben wir in den Abenden ein wildes Johlen auf der Straße. Zur Organisierung einer Vereinsmusik fehlt das Geld, es findet aber doch mancher Vater für seine Sohn 100 Lei, damit er mit seinen Kameraden zusammen eine Ziehharmonika kaufen kann, damit an Sonntagen hinter den Gärten eine eigentümliche Musik gemacht wird. Dazu ist Geld da und für eine Lesehalle nicht. Zank und Mißgunst dem anderen gegenüber. So z. B. ließ Melchior Erker letztens seinen Welschkornpflug über den Sonntag auf dem Feld und als er am Montag hinauskam, war ein Rad in Stücke zerschlagen. Daß der Mann dazu keine gute Miene machte, kann man sich denken.
Unsere Dorfintelligenz gibt sich große Mühe und sorgt für Kulturarbeit, doch wird dem zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. So bekamen wir sehr viele Bücher aus Deutschland unentgeltlich zugeschickt, es fehlt nur an Leser. Ich habe schon mehrere Bücher durchgelesen und muß sagen, sie sind interessant und lehrreich. Eins muß ich loben, nämlich daß wir einige Dutzende Zeitungen ins Dorf bekommen, darunter die „Deutsche Zeitung Bessarabiens“ am meisten gelesen ist. Außerdem sind russische, andere deutsche, auch amerikanische Zeitungen.
In meinem Bericht vom 15. Mai kam ein Schreibfehler vor bezüglich Nikolaus Harsche, der nicht tot auf der Stelle blieb, sondern halbtot, wurde nach Hause gebracht mit Kopfwunden und Quetschungen verlor aber viel Blut und ist bereits wieder gesund.
Herr Aloisius Ternes läßt Emanuel Ternes in Raleigh, N. D., grüßen und bittet, ihm in der Dakota Rundschau, welchen Bericht von dort zu machen und dabei bezüglich seiner Eltern mitzuteilen, ob solche noch unter den Lebenden sind.
Den Lesern hüben und drüben, wie der Redaktion besten Grüße.
Joseph Braun.