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Auszug aus der „Dakota Rundschau“ 17. Juli 1931 · 📰

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Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland

Kraßna, Bessarabien,
den 11. Juni

Sehr geehrter Herr Brendel!

Wie ich schon berichtete, arbeitet man bei uns am Hochwegbau. Gestern war ein Ingenieur hier, der die Brücke über den Bach untersuchte, die vor 55 Jahren gebaut worden ist; er stellte fest, daß dieselbe noch gut sei und nur mit Zement remontiert werden muß, wozu 100 Pud Zement nötig sein werden. Der Hochweg ist drei Werst mit Erde aufgeführt. Weitere Steinarbeit fehlt noch, und man verspricht, daß man im Herbst damit fertig sein wird.

Bei der letzen Gemeindeversammlung wurde ein Beschluß abgefaßt, daß jeder Wirt auf einen Hektar vier Erdhasenschwänze in die Kanzlei abzustellen hat.

Wer dieser Bestimmung nicht nachkommt, wird dem Gericht übergeben. Erdhasen sind bei uns in großer Menge aufgetaucht, und wenn dagegen nicht ernst gekämpft wird, so fressen sie uns die Haare vom Kopf herunter.

Am 6. Juni wurden bei uns die Pferde besichtigt, wovon 15 auf die Ausstellung kommen sollen; aber diese Pferde sind nur Arbeitspferde, Zuchtstuten mit Fohlen und Hengste. Solche Pferde, die eine bestimmte Arbeit leisten können, ohne daß man sie mit der Peitsche antreibt, wie z.B. einen Zweischarpflug 18 Zentimeter tief ziehen, sollen einen Preis, eine Medaille und 1000 Lei bekommen.

Mir kam zu Ohren, daß ein Kraßner, Severin Becker im. „Staatsanzeiger“ gegen mich schrieb. Ich ließ mir die betreffende Nummer vom 1. Mai senden, wo geschrieben steht: „Gestern kam ein Mann zu mir und erzählte, daß der Korrespondent Joseph Braun hier vom Redakteur der „Rundschau“ einen Brief erhalten hätte, in welchem dieser für seine Dienste 5000 Lei für seine Dienste als Korrespondent anbietet. Ich glaube kaum, daß jener Redakteur dem Joseph für seine Lügen, die er den Amerikanern auftischt, noch bezahlen will oder kann. Nun wird diese Zeitung doch nur so vereinzelt gelesen, daß die wenigen Leser Herrn Brauns Lügen schon verdauen werden können. Meine Freunde in Amerika und Brasilien lesen nur den „Staatsanzeiger“ und was ich ihnen in dieser Zeitung von hier mitteile, können sie ruhig glauben, denn ich schreibe nicht für Geld.“

So schreibt Becker, und ich denke, daß jeder Leser Beckers Katzenbuckel aus seinem eigenen Schreiben herausfindet. Eine Neuigkeit für eine amerikanische Zeitung „Staatsanzeiger“: der Braun hat vom „Rundschau“ - Redakteur einen Brief bekommen, der ihm 5000 Lei als Korrespondent anbietet.

Ich könnte mir dadurch schon etwas einbilden; denn daraus wäre zu schließen, daß man meine Mitarbeit zu schätzen weiß; da ich aber schon seit längerer Zeit weder einen Brief, noch irgend welches Angebot aus Amerika erhalten, auch mit keinem Menschen darüber gesprochen habe, ob ich etwas oder gar nichts für meine Korrespondenzen bekomme, so ist dies ein Beweis, daß Becker lustige Nachrichten gibt. Auch weiß Becker, wie stark die eine oder die andere Zeitung gelesen wird, und bittet die Leute, ihm ruhig zu glauben. Er schreibt nicht für Geld. Billige Wahrheiten, dabei er sich aber doch nicht sicher ist, und daher schickt er voraus: „tut mir ruhig glauben“. Ein Zeichen der Lüge. Er sitzt dabei hier in Kraßna, wo ihn schwer jemand kontrollieren kann. Er weiß so viel, wie die Kuh vom Sonntag. Er schreibt aber, und für den „Staatsanzeiger“ scheint es gut zu sein,

Weiter schreibt Becker über die Küsterwahl. Edmund Gansky und der junge Michael Ziebert bewerben sich um dieses Amt. Bei der Wahl ging Gansky als Sieger hervor, und Ziebert, den Becker als gebildeten Lehrer und Organisten hervorhebt, mußte weichen und in einer viel kleineren Gemeinde als Kraßna, nämlich in Oravitza, mit einem Dienst zufrieden sein. Dazu schreibt er weiter: Trotz der geringen Bildung erhielt Gansky die Küsterstelle, weil er geringeren Lohn verlangte und die Gemeinde infolge der schlechten Zeiten sparen will.

Damit hat Becker wiederum eine Lüge in die Welt hinausgebreitet, indem er die Bildung des einen in die Höhe hebt und die des anderen heruntersetzt, wo er doch schon so viel versteht, wie ein Schwein von Apfelsinen. Gansky erhielt darum die Stimmenmehrheit, weil er schon längere Zeit der Gemeinde treu diente und dadurch recht beliebt wurde.

Auch will er weiter die Kirchenväter weghaben. Er gibt an, daß ihre Zeit abgelaufen ist, und sie gehen nicht weg. Es sind dies zwei Ehrenämter in der Gemeinde, denen nicht das geringste nachzusagen ist, und diesen beiden Herren, zusammen mit dem Oberschulzen, ist es zu verdanken, daß wir eine neue Glocke bekamen, die nur von einer kleinen Ausnahme der Gemeindeglieder noch nicht bezahlt ist, darunter wahrscheinlich auch Becker.

Als der Schulrevisor erfuhr, daß wir einen ungebildeten Lehrer haben, wurde er ausgewiesen, denn er konnte den Kindern nicht schaden usw. Darüber schreibt und freut sich Becker, daß er mit seinen Helfershelfern durch eine Bittschrift dieses erreicht hat. Herr Gansky ist ohne Lehrerzeugnis, und darauf befußte man sich; daß er aber gerade so gut oder noch besser Religion in der Schule zu lehren verstand, daß will man aus offiziellen Gründen nicht berücksichtigen. Den Schaden hat die ganze Gemeinde durch solchen Protest, der Küster darf keinen Religionsunterricht in der Schule erteilen, und der Geistliche kann solchen Pflichten nicht immer nachkommen, denn man darf nicht vergessen, daß wir viele Schulkinder haben. Auch ist bekannt, daß es keine diplomierte Religionslehrer gibt und immer die Religion vom Küster erteilt wurde. Nun aber stellen sich die Menschen, dumm wie Haferstroh, auf die Treppe und schreien. Ist es da kein Wunder, wenn man über die Ausgelassenheit der Jugend zu klagen hat, wo die Alten auch nicht besser sind? Und solchen Schmutz nimmt man noch in einer amerikanischen Zeitung auf. Sie können mir glauben, Herr Brendel, daß dieses einen geradezu mutlos macht.

Zum Schlusse grüße ich die Leser hüben und drüben und die Redaktion.

Joseph Braun.

dokumente/zeitungen/eureka/x-19310717-q1-paper.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher