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Film 11463, Vol. 7, No. 04, Page 2
Krasna, Bessarabien, Rußland, Juli 3. 1912
Als Krassnaer hatte ich zu meiner Freude oft Gelegenheit, bei Lesern des Blattes hierselbst Berichte darüber zu lesen, wie es unseren Landsleuten im fernen Amerika geht, aber in letzter Zeit, schon einen vollen Monat, herrscht Todenstille. Es ist ja gerade als ob die Nord und Süd-Dakotaer, die Canader und alle Bewohner der neuen Welt bei der Redaktion des Staats-Anzeiger in Ungnade gefallen sind. Alle Leser des Blattes hierselbst warten allwöchentlich schmerzlich auf den Staats-Anzeiger, um etwas von unseren Freunden zu erfahren, die wir wohl nimmer wiedersehen aber seit vier Wochen bekamen wir im Blatte nichts mehr von ihnen zu hören. Ich habe schon Korrespondenten des Staats-Anzeiger in Krasna gebeten, doch einmal an die Redaktion zu schreiben und sich zu erkundigen, was wohl der Grund dieser Aenderung sein mag, die uns allen gar nicht gefällt, aber da keiner dieser es thun will, muss ich selbst antragen. (Ja, lieber Freund, die Erklärung ist eine sehr einfache Sache. Beim Umzug von Devils Lake nach Bismarck gingen einige hundert Korrespondenzen verloren, trotzdem diese sorgfältig verpackt waren. Beim Transport des Schreibpultes, welches die Korrespondenzen enthielt, müssen wohl Rauhbeine oder Vandalen oder beides ihre Hand im Spiele gehabt haben, denn dasselbe kam hier fast gänzlich demolirt an. Nicht allein Korrespondenzen, auch wichtige Geschäftsbriefe gingen auf diese Weise verloren. Dies dürfte die Sache wohl erklären. Uebrings erhalten wir jetzt wieder Korrespondenzen genug; manchmal viele, manchmal wenige. Um diese Zeit überhaupt sind die Leute gar sehr mit der Ernte und mit Drescharbeiten vernommen, sodas die Berichte etwas spärlicher einlaufen, aber bald werden sie wieder in solchen Mengen kommen, dass die Redaktion sie kaum wird bewältigen können und Tag und Nacht am Schreibpult arbeiten muss. Red.)
Ich habe das Blatt oft zwanzigmal umgeblättert, in der Meinung, dass ich vielleicht im Eifer die richtige Seite überschlagen hätte, aber es war eben nichts zu finden. Vor noch kurzer Zeit brachte das Blatt wöchentlich hunderte Abschnitte aus der Feder unserer Freunde und Stammesgenossen in Amerika und Canada, und das Blatt wurde so allgemein begehrt, dass der Staats-Anzeiger von den Leuten, namentlich Sonntags, in der Tasche herumgetragen wurde und aus einer Hand in die andere wanderte. Der Staats-Anzeiger hatte hier immer den Vorzug vor allen anderen Zeitungen, aber nun sind die Leute hier traurig gestimmt. Kommt das Blatt an, wird gleich gefragt: „Ist noch nichts im Staats-Anzeiger von unseren Freunden in Amerika?“ Sobald das Blatt wieder diese guten Nachrichten bringt - achtseitig ist es ja schon lange wieder und auch, wie früher, schöne Prämien anbietet, so weiss ich, dass der Staats-Anzeiger innerhalb drei Monate viele neue Leser gewinnen und wieder so allgemein beliebt sein wird wie früher.
Ich hatte thatsächlich vieles von hier zu berichten. Zum Beispiel, wie es dem Pfarrer und Dekan erging, welche nach Krasna zur Orgelweihe geladen waren, und wie einmal ein Krassnaer von Tarutino bei sieben Grad Kälte mit Pferde und Wagen über den Kirchhof und über die Mauer deselben fuhr, ohne zu wissen wie er darüber kam, aber ich muss den Bericht beschreiben, das ich sehe, ob wieder mehr Berichte im Staats-Anzeiger erscheinen von unseren Freunden und Bekannten. Dann werde ich losschiessen. (Na, also, wir bitten nur loszulegen. Red.)
Für diesmal noch freundlichen Gruss der Redaktion und den Lesern des lieben Blattes.
Ein Krassnaer
Film 11463, Vol. 7, No. 04, Page 2
Krasna, Bessarabien, Rußland,
Juli 12. 1912
Gottlob, dass das werthe Blatt die Umzugschwierigkeiten überwunden hat und wieder seine schwierige Mission erfüllen kann. In letzter Zeit habe ich wohl viel korrespondirt, da ich aber bemerkte, dass die Redaktion des Staats-Anzeiger in schlimmer Lage war und vielleicht mit Berichten überhaupt warten konnte, machte ich's mir zu Pflicht, den nothwendigen Korrespondenzen nicht im Wege zu stehen und abzuwarten, bis es wieder freie Bahn giebt. Es muss wohl im Blatte am Raum gemangelt haben, dass eine zeitlang keine Berichte mehr aus den Dakotas, Canada und so weiter erschienen. Hatten nicht die Nummern 48 und 49 wieder einige Korrespondenzen von unseren Farmersfreunden enthalten, wäre es für uns bald bedenklich geworden. Nun aber haben, Gott sei Dank, diese wieder Aufnahme gefunden, denn wir lesen alle diese Berichte von Amerika und Canada mit tiefem Interesse.
Der Gründer des Staats-Anzeiger hat durch Herausgabe deselben für ganz Nord-Amerika, Canada, ja für ganz civilisirte Welt, ein Werk gestiftet, welches auch für aus Russland ausgewanderte Leute und die in der alten Heimath zurückgelassenen, geradezu unschätzbar ist, denn: wäre der Staats-Anzeiger nicht, so wäre schon so manche Freundschaft, so manche alte Bakanntschaft zwischen uns hier und den jenseits des grossen Weltmeeres Weilenden vergessen und begraven. Diese Berichte von hüben und drüben sind das Band, welches uns durch den Staats-Anzeiger zusammenhält, ja innigst verbindet. Und wie schön ist das! Ich weiss dass es hier, wie auch in Amerika und anderen Ländern viele, viele Leser dieses lieben Blattes giebt, welche in ihrem Leben keine Zeitung gelesen hatten, oder Leser einer solchen geworden wären, auch selbst heute noch keine lesen würden, wenn nicht der Staats-Anzeiger vor nun bereits über sechs Jahren augefangen hätte, alte und bereits erkaltete Freundschaften aufzufrischen, zu erwärmen, und heute hat sich der Staats-Anzeiger durch sein freundliches Entgegenkommen, durch Aufnahme von Korrespondenzen, durch gediegene Leitung, wenigstens solange Herr Redakteur F. L. Brandt selbst die Zügel führte, wie jetzt wieder, bei uns und überall so eingebürgert, so beliebt gemacht, dass er zur Familie gehört und man schlechterdings nichts ohne das Blatt sein kann und mag, und der Staats-Anzeiger für uns alle ein ewiges „Vergissmeinnicht“ bleibt. (Herzlich Dank dem geehrten Herrn Korrespndenten für diese Anerkennung! Red.) Darum, liebe Freunde und Bekannte, deutsche Brüder auf der ganzen weite Erde, vertrödelt nicht nutzlos die Zeit, sondern sendet immer mehr Berichte an den Staats-Anzeiger über den Stand der Gesundheit, über Ernteaussichten und über alles was interessirt.
Sie, lieber Kollege Anton Jochim in Harvey, Nord-Dakota, leben sie noch? Habe bereits verschiedentlich Fragen an Sie durch das Blatt gestellt, aber nichts zu hören bekommen. (Anton Jochim wohnt zurzeit in Estevan, Sask., Canada. Red.)
Auch habe ich zwei Schwäger in der neuen Welt, nämlich Georg Mastio und Jakob Marthaller, welche viel zu wenig für den Staats-Anzeiger berichten. Hoffentlich veranlasst dies Schreiben sie zum eifrigeren Korrespondiren.
Grüsse herzlich meine Schwiegersöhne Ignatz Gross und Edward Richter sammt ihren Frauen, sowie alle Freunde und Bekannte und alle Leser dieses lieben Blattes.
Romuald Dirk