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Film 3639, Vol. 8, No. 48, Page 2
Emmenthal, Bessarabien Mai 13. 1914
Es kann sein, daß sich mancher meiner Freunde und Bekannten im Leserkreis des Blattes wundert, warum so lange nichts von mir im Blatte erschien. Nun, liebe Freunde, in allen Dingen giebt es eben trübe Stunden und Verhängnisse, die manchmal der besten Sache den Weg versperren. Das Blatt und sein wertvollen Prämien hatten bei mir von der Stunde an wo ich es zum ersten Male zur Hand bekam, ein tiefes Interesse erregt und hohe Achtung, weil es allezeit Nachrichten aus allen Welttheilen bringt, was kein anderes Blatt bewerkstelligte. Da nun der Staats-Anzeiger auch in seinem kleinsten Winkel interessante und wichtige Nachrichten bringt, ließ ich es auch an mir nicht fehlen, dem Leserkreise öfters Neuigkeiten aufzutischen. Mehr als zwei Jahre las ich das Blatt mit solchem Interesse, daß ich alle seiner schönen Prämien vergaß, aber endlich fiel mir ein, auch einmal die Prämien zu besichtigen und ich bat die werthe Redaktion mich mit einer solchen zu erfreuen. Meine Bitte wurde auch nicht abgeschlagen, aber die Prämie kam mir nicht zu Händen und ich wurde dadurch so verstimmt, daß ich im Korrespondiren ganz aus dem Geleise kam. Doch, Pardon, liebe Mitleser, ich muß wieder meiner Gewohnheit getreu Berichte schreiben und die Prämien auf der Seite liegen lassen, sonst könnte vielleicht gar das Blatt gegen mich Klage führen. (Ja, lieber Freund, wir haben bereits zwei Scheeren an Ihre Adresse gesandt, aber wir ruhen nicht, bis Sie eine in die Hände bekommen. Haben Sie jetzt ein wenig Geduld. Augenblicklich haben wir sie nicht an Hand aber die Fabrik fertigt solche für uns und bis anfangs September wurde uns die Lieferung versprochen. Falls Sie in der Zwischenzeit wieder Ihre Adresse ändern sollten, dann bitten wir sofort uns zu schreiben. Wir werden dieses Mal die Schere Ihnen eingeschrieben zusenden. Wollen doch einmal sehen, ob es wirklich unmöglich ist, Ihnen die Prämie zu Händen zu bringen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Monatelang sind aus meiner Feder keine Abhandlungen mehr im Blatte erschienen, aber ich habe mich entschlossen, jetzt wieder Bericht über Bericht zu schreiben.
Mag sein, daß unter meinen Abhandlungen auch einige waren, welche dem einen oder dem anderen der Leser etwas zu dicht unter die kurzen Rippen zogen, aber die Abhandlungen waren im gerader Richtung und die Bemerkungen welche den kurzen Rippen Stöße versetzten, durchaus wahrheitsgetreu.
Am 3. Mai feierten wir hier in Emmenthal das Kirchweihfest, zu welchem auch aus Kraßna Gäste erschienen waren. Auch der Herr Oberschulz Anton Gedak beehrte uns mit einem Besuch und weilte drei Tage hier. Im Kreise der Gesellschaft wurde da über gar Manches verhandelt. Auch des lieben Staats-Anzeiger wurde lebend erwähnt und über die vielen Korrespondenzen in demselben, wie auch aber die des „E Bauer“, wurde gesprochen, natürlich nicht über seine Person, weil keiner sie kennt, aber über den Inhalt seiner Berichte. Besten Dank dem Hrn. Oberschulz für seine briefliche Nachricht, mir seine glückliche Ankunft bei den Seinigen ankündigend und daß es ein Genuß für ihn war, dem Feste bei uns angewohnt zu haben. Auch mich hat es aufrichtigt gefreut, Herrn Gedak als angenehmen Gesellschafter unter uns gehabt zu haben.
Herzlichen Gruß an den Leserkreis des Blattes und besonders an meine Kinder in Morton County Nord-Dakota, und an den geehrten Herrn Kollegen Anton Jochim.
Romuald Dirk.
Film 3639, Vol. 8, No. 48, Page 2
Emmenthal, Bessarabien Mai 18. 1914
Wir hatten einen sehr schönen Winter mit viel Schnee. Auch der Frühling war gut und die Wintersaaten standen in voller Pracht. Man glaubte auf eine reichliche Ernte rechnen zu dürfen. Leider aber kam es anders, denn der April brachte uns gar keinen Regen sondern nichts wie Sturm und Nachtfröste, sodaß die Frucht nicht von der Stelle kam und das Gras auf der Viehweide, statt weiter zu wachsen, von Tag zu Tag weniger wurde und das arme Vieh Noth leiden mußte. Erst anfangs Mai erhielten wir einen kleinen Regen, welcher aber infolge der vorhergehenden großen Trockenheit nur wenig und vorübergehend half. Die Frühjahrssaaten aber waren noch grün und haben sich auch etwas erholt. Wir müßten aber in den nächsten Tagen wieder Regen haben, wenn sie Frucht bringen sollen. Die Wintersaaten sehen schlecht aus. Die besten ergeben vielleicht bis 20 Pud per Dessjatin, aber die meisten werden kaum 5 Pud bringen.
Es wären vielleicht wieder einige Leute im Spätjahr nach Amerika ausgewandert, aber nun wird es ihnen dazu an Mitteln fehlen und sie werden hier bleiben müssen. Ihr Land können sie auch nicht verkaufen, denn es wird sich Niemand finden, der es nimmt. Vergangenes Frühjahr sind einige Emmenthaler nach Canada abgereist. Welche der Leute hinterließen Kinder, andere die Eltern. Die Hinterlassenen waren auch fest entschlossen, bis Spätjahr nachzukommen, aber das wird nun unmöglich. Wenn diesen Leuten meine Zeilen zu Augen kommen mögen sie verstehen, daß sie bis Spätjahr nicht darauf rechnen können, die Hinterlassenen zu begrüßen, denn uns steht eine Mißernte bevor und wie tief wir durch Landkaufen in Schulden gekommen sind, ist ihnen wohlbekannt. Die Schulden müssen bezahlt werden, ehe man Rußland verlassen kann und dann bleiben nicht genügend Mittel zur Reise. Möglich auch, daß manche der Ausgewanderten sich hierher zurück wünschen, aber sie sollen nur froh sein, daß sie dort sind. Wenn man sich nach Amerika wünschen könnte, ich glaube es würde nicht die Hälfte der Leute hier bleiben.
Herrn Redakteur Brandt möchte ich bitten, mir die Scheere und das Nähbesteck zu senden. Die übrigen 90 ¢ wird mein Bruder schon bezahlen, wenn er es nicht schon gethan hat. (Zurzeit haben wir diese Prämien nicht an Hand. Sie werden für uns fabrizirt und wurden uns bis anfangs September versprochen. Bis dahin, also, könnten wir sie liefern. -Red. Staats-Anzeiger.)
Meinen Kameraden Phillip Seifert möchte ich bitten, dem Rochus Groß den Staats-Anzeiger zu bestellen, wenn er ihm eine große Freude machen will. Seine Adresse ist wie die meinige.
Unlängst las ich im Blatte auch eine Korrespondenz geschrieben von meinem Geschwisterkind Emil Joseph Kopp von Jakob. Ich habe ihnen öfters schon geschrieben und auch Grüße an sie durch den Staats-Anzeiger übermittelt, aber nie etwas von ihnen gehört. Vielleicht sind sie böse weil ich die 18 Rubel erwähnt habe. Nun, ich verlange sie nicht mehr. Habe auch so noch zu leben. Aber warum schreiben sie denn solche Dummheiten nach Kraßna, wo sie doch zu den klügsten Männern gezählt wurden?
Da gerade Neues nicht weiter von hier zu melden wäre, will ich noch etwas über den „E Bauer“ schreiben. Der E Bauer berichtet immer so viel über Kraßna Männer und schreibt garnichts über die Weiber. Ich kann wenig über diese urtheilen, nur weiß ich, daß vergangenen Winter zwei hier waren, denen es besser gewesen wäre sie wären zuhause geblieben. Die Namen will ich lieber nicht nennen. Auch hat schon ein Mancher es probirt, dem E Bauer das Schreiben zu verleiden, aber der hat immer flott auf alles geantwortet und seine Dummheiten weiter getrieben. Jetzt aber hat sich einer gefunden, der ihn zu Ruhe gebracht hat. Nämlich der liebe Gott hat ihm sein Weib entrissen und sie zu sich in eine bessere Welt genommen. Jetzt wird er wohl ruhen und die Feder rosten lassen. Ich könnte den E Bauer mit Namen nennen. (So? -Red. Staats-Anzeiger.) denn ich kenne ihn gut, aber ich weiß nicht, ob die Redaktion es annehmen würde. (Wenn Sie den Namen wissen, nehmen wir den diesbezüglichen Bericht auf und auch wenn Sie fehlgeschossen haben. Letzteres wird wohl der Fall sein. -Red. Staats-Anzeiger.)
Ich grüße freundlichst meine alte Mutter und die Brüder in Canada. Ihre Briefe vom 1. und 5. habe ich erhalten. Antwort folgt bald. Bruder Joseph, warum wartest du so lange mit der Zahlung des Blattes, welches seit dem 9. Februar fällig ist, und warum korrespondirst du nicht mehr? Hast du, seit du geheirathet hast, so wenig Zeit?
Sobald hier Neuigkeiten zu berichten sind, werde ich wieder schreiben.
Gruß allerseits von
Zachäus Kopp, von Martin.