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Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 30. März
Geehrter Herr Redakteur Brendel!
Wenn auch das Wetter am 19. März, auf den Josephstag, recht schön war, so machten unsere Burschen hier eine häßliche Nacht und mußten hinter Schloß und Riegel gebracht werden. Die nahmen von der Wache Flinten weg, welche man ihnen, mit Welschkorn geladen, wegnahm, das bei Mathias Soehn, Sohn des Anton, der Fall war, der zusammen mit Johannes Furch arretiert wurde. Auf anderer Stelle, bei Witwe Regina Ihli und Georg Soehn, trieb eine zweite Partie Unfug, die ebenfalls arretiert wurde.
Weiter hat der Knecht des Joseph Dirk, der kein Krasnaer ist, sein 6 Jahre altes Töchterchen vergewaltigt, der auch ins Gefängnis gebracht wurde.
(Die abschreckenden Vorkommnisse in Kraßna, die sich öfters wiederholen, sind im höchsten zu bedauern. Es ist dies einer schlechten Erziehung zuzuschreiben. Wie der Vater, so die Söhne, und wie die Mutter, so die Töchter. Die besseren Männer und Frauen im Dorf müßten sorgen, daß ein anderer Geist einziehe. Das kann geschehen, wenn man der Jugend Gelegenheit bietet, sich auf anderem Wege an den Abenden zu beschäftigen als in Weinkeller zu gehen oder sich auf der Straße die Köpfe blutig zu schlagen. Man lege eine größere Dorfbibliothek an, man halte Vorlesungen und sorge, daß recht viele und gute Bücher unters Volk kommen. Der Segen davon wird sich bald zeigen. Die Red.)
Am 21. März wurde eine Versammlung von den Mitgliedern der Bank und Konsumladen abgehalten, wobei man verkündete, daß der Konsumladen 84.000 Leu Reingewinn aufzuweisen hat, aber die Molkerei 12.500 Leu Verlust brachte. Über den Verlust brummelte man, da aber der Konsum Reingewinn brachte, und zwar eine größere Summe, so beruhigte man sich wieder. Die Herren Respizius Krams und Lazarus Volk wurden frisch in den Aufsichtsrat gewählt. Am 1. April soll ein Präsident gewählt werden, der 600 Leu pro Monat als Lohn erhalten soll. Der Unterzeichnete, Joseph Braun, ist wieder als Geschäftsführer gewählt und bekommt 2 ½ Prozent vom Umsatz und nach gutem Jahresabschluß 5000 Leu extra. Außerdem wurden noch 30 Mann als Kassierer bestimmt, von denen jeden Tag einer die Gelder zu empfangen hat.
Noch ein weiterer schrecklicher Fall passierte bei uns am 23. März, nämlich Johannes Habrich hat Selbstmord begangen durch Erschießen in seiner Stube. Mit dem Unglücklichen habe ich den Morgen noch gesprochen, er putzte den Tag noch Gerste zur Aussaat, und als er allein im Zimmer war, gab er den verhängnisvollen Schuß ab. Seine Frau schickte sofort zum Geistlichen und Doktor. Dem Geistlichen in Gegenwart von anderen Leuten erklärte er, daß daran niemand zu beschuldigen sei, er allein ist schuld daran. Nachher ist er auch gleich gestorben, und heute wird er beerdigt. Das diene Anton Soehn in Fox Valley, Sask., zur Nachricht, daß mit seinem Nachbar ein solches Unglück passierte, dessen Lebenslauf nur 33 Jahre zählte. Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe.
Am 25 März starb auch Klemens Ihli im Alter von 58 Jahren, der Frau und vier Kinder hinterließ, davon eins verheiratet ist. Ruhe seiner Asche.
Am 27. März hat es hier geschneit, und heute Nacht hat es wieder stark gefroren, so daß die Bauern vom Feld daheim bleiben. Die Saat ist diesjahr spät.
Grüße an die Redaktion und die Leser.
Joseph Braun.