Deutsch
Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 25, August
Sehr geehrter Hr. Redakt. Brendel!
Auf den Regen vom 19. August können unsere Bauern mit dem Winterackern beginnen u. Winterraps säen. Es ist genügend Zeit, diese Arbeit zu tun und der Bauer hat daran seinen Vorteil, denn wer sein Land im vorigen Herbst umackerte, hat viel besseres Welschkorn diesen Herbst bekommen. Das sehen auch die Bauern ein, man zeigt mit den Fingern darauf und meint, daß man zu besserer Arbeit übergehen muß, denn wenn man nur 25 Lei für ein Pud Gerste und auch nicht mehr für ein Pud Welschkorn bekommt, so sind wir bald alle bankrott, hört man sagen.
Auf der Totenliste sind: Johannes von Peter Folk, 30 Jahre alt, hinterläßt Frau und zwei Kinder; er starb den 16. August an Lungenentzündung. An demselben Tag starb noch Ignatz Bekker, der seine Frau mit vielen Kindern hinterließ. Der Herr gebe beiden die ewige Ruhe. Dies diene Rochus Ternes in Raleigh, N. D., über den Tod seines Schwagers zur Nachricht.
Wahrscheinlich wird der Vetter Rochus erst später darüber durch Brief erfahren, wo er das schon vorher in der Dakota Rundschau gelesen hat. Ich empfehle daher, daß alle Kraßnaer in Amerika und Canada sich die Rundschau halten, ich werde immer sofort über alle Neuigkeiten, die von Bedeutung sind, berichten, es mag auch einer über mich bellen, das mich nicht zurückschreckt; ich handle aus Überzeugung, darüber ich mich immer verteidigen kann.
In Kraßna war der 18 Jahre alte Walter Titel aus Schlesien, Deutschland, der schon 18 Monate von zu Hause weg ist und zu Fuß die Welt umlaufen will. Er passierte Bulgarien, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Ungarn, Österreich, und von Rumänien will er nach der Türkei. Wünsche ihm Glückliche Reise.
Es scheint als wollte die übrige Welt unserem Häufchen Deutschen in Bessarabien mehr Aufmerksamkeit schenken. Da kam am 23. August auch eine echtdeusche Dame aus Berlin mit ihrem photographischen Apparat, um uns Deutsche zu photographieren und damit uns, vielleicht, zu verewigen. Die Dame interessierte sich nämlich für unsere Sitten und Gebräuche, wie Hochzeit, Kindtaufe, Weinstube für jung und alt, wie wir da beten und fluchen und anderes mehr. Wahrscheinlich soll dies eine Sammlung für eine Zeitschrift oder sogar einen Film geben, so daß uns auch die Amerikaner drüben in ihren Theater herummarschieren sehen. Im Gespräch mit dieser Dame, teilte sie mit, daß sie schon mehrere Staaten durchreiste, weiß recht interessant zu erzählen und manches, was wir nicht sehen und vor unseren Augen unbemerkt in unserm eintönigen Leben vorüberzieht, das ist für sie wichtig und von größter Bedeutung.
In einer Unterredung mit Herrn Lehrer Eckert aus Alt Paris lenkte ich dessen Aufmerksamkeit auf die Rundschau, der dafür besonderes Interesse zeigte und sagte, daß er bald welche Arbeit einsenden wird.
Der Redaktion und den Lesern hüben und drüben freundlichen Gruß.
Joseph Braun