Deutsch
Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
25. September
Bei uns wird es geherbscht, das man den Leuten schon ansieht, daß neuer Wein im Keller ist. Wird man in der Nacht gestört und frägt, was los sei, so bekommt man zur Antwort: Was, ich soll meine Trauben zu 17 Lei das Pud verkaufen und obendrauf auch noch für einen Eimer Wein 24 Lei Akzise zahlen, na, den sauf ich doch lieber selber!
Kürzlich wurden die Schreiber gewechselt, unser Schreiber Stoika wurde nach Kloestiz versetzt und Heinrich Mueller aus Katzbach der in Kloestiz Schreiber war, kam nach Kraßna. Der Oberschulze, Alexius Riehl, ließ die Gemeinde zusammenkommen und stellte ihr den neuen deutschen Schreiber Mueller vor, den die Gemeinde herzlich willkommen hieß. Jedermann freute sich, daß man endlich dies Ziel erreichte und einen deutschen Mann als Gemeindeschreiber bekam.
Unser Oberlehrer A. Gulewitseh, der 18 Jahre in unserer Schule tätig war, wurde nach Schabo versetzt und auf seine Stelle kam Otto Schaub aus Sarata, der wohl Oberlehrer werden wird, denn schon längst sehnen wir uns auch da nach einem Deutschen.
Das Welschkorn (Bobschoi) brachte eine gute Ernte, das man auch schon an den Pferden ansieht. Als M. Folk kürzlich vom Felde heimfuhr, gingen ihm die Pferde durch, er wurde vom Wagen geschleudert und erhielt dadurch mehrere Verletzungen. Dasselbe geschah bei Georg Steiert, dessen Pferde beim Anspannen scheu wurden, sprangen mit dem Wagen zum Hof hinaus und los auf Nachbars Mauer zu, der Wagen ging in Stücke, und das eine Pferd mit einem Teil Geschirr jagte die Straße entlang.
Der regste Handel geht jetzt mit Weinfässern, die man über 75 Werst nach dem Westen schafft. Auch aus Emental kommt man nach Kraßna um Fässer, die eine gute Weinernte haben. Für ein geborgtes Faß gibt man 5 - 6 Pud Trauben.
Der Regen vom 21. September kam der Wintersaat zugute, auch sät man jetzt Winterweizen. Die Getreidepreise sind: Gerste 20, Hafer 27, Welschkorn 19, Flachs 55 und Weizen 35 - 40 Lei das Pud. Nur die Eier haben einen guten Preis, die Kooperative zahlt 170 Lei das hundert und sollen noch teurer werden, da man viele nach dem Ausland, nämlich Deutschland, schickt.
Als der Kraßnaer Handelsmann Aug. Folk am 22. Sept. vom Arziser Markt kam, hatte er noch nicht genug getrunken, kehrte nochmals bei seinem Schwager Joh. Seifert ein, seinen großen Durst zu stillen, und nach Hause kam er durchgeprügelt - wurde schrecklich zugerichtet.
Zum Bund der Ehe haben sich zusammengeschlossen: der Witwer Basilius Steiert mit der ledigen Tochter Martha des verstorbenen Christof Bunikowsky und der Sohn des verstorbenen Gabriel Spitznagel, Hieronymus, mit Anna Herschaft, Tochter des Michael. Beiden Paaren viel Glück.
Wo bleibt Philipp Kahl und Magnus Steinke in Krupp, Sask.? Wie ist die Ernte bei euch ausgefallen? Und laßt euch öfters in der Dakota Rundschau hören. Dieselbe Frage stellen wir auch Alex. Wingenbach in Brisbane, N. D.
Gruß an die Redaktion und Leser.
Joseph Braun.